Plaza Victoria Erster Akt
- Raquel Iglesias Serrano
- 2. Feb. 2025
- 59 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Feb. 2025

Vielleicht kam die Inspiration von meiner Zeit in Berlin, wo ich in einem Luxushotel arbeitete. Eine scherzhafte Bemerkung eines Kollegen aus Hamburg ließ mich jedoch erstmals mit dem Gedanken spielen. Jahre vergingen, bis ich in meiner Heimatstadt eine neue Kollegin und Musicaldarstellerin traf. Diesen Funken des Schicksals nutzte ich, um endlich mein Musical zu schreiben, das lange in mir geschlummert hatte. Nun ist es vollendet, auch wenn die Lieder noch fehlen – ein Werk, das aus dem Herzen einer einfachen Kellnerin entsprang.
1. Akt 1. Szene
Ein Luxushotel in New York, 1937. Mitten in der Nacht herrscht Dunkelheit und Stille. Einzig im Keller brennt ein schwaches Licht. Ein etwa neunjähriger Junge sitzt auf einer alten Holzkiste, neben ihm ein älterer Mann auf einer weiteren Kiste. Beide sind damit beschäftigt, im Takt Schuhe zu putzen.
Alter Mann: (Spricht betrunken) Weißt du, was das Geheimnis glänzender Schuhe ist... Ricardo!
(Ricardo blickte zu dem älteren Mann auf und wusste bereits, was folgen würde. Er hatte diese Worte schon tausendmal gehört. Leise sprach er sie nach.)
"Spucke, Ricardo, Spucke ist das Geheimnis. Du musst kräftig spucken, damit die Schuhe der feinen Herren richtig glänzen. So lange, bis kein Schmutz mehr zu sehen ist. Nur wenn die Schuhe jeden Tag glänzen, gehört man zu den feinen Herren!
(Der ältere Herr lächelte bitter, während Ricardo ihn traurig ansah.)
"Nicht so wie wir, egal, was wir tun, unsere Schuhe bleiben immer schmutzig."
(Der ältere Herr nahm einen tiefen Schluck aus seinem Flachmann und spuckte dann kräftig auf den Schuh. Ricardo verzog das Gesicht.)
"Weißt du, was das Lustige ist, Junge?" lachte er. "Sie haben keine Ahnung, dass wir auf ihre Schuhe spucken, um sie zum Glänzen zu bringen."
(Ricardo blickte auf seine schmutzigen Schuhe und murmelte leise:)
"Ich hätte auch gerne glänzende Schuhe."
(Ricardo blickte den älteren Mann entschlossen an, sammelte all seinen Mut und verkündete laut und herausfordernd:)
Ricardo: "Eines Tages werde ich in glänzenden Schuhen hier stehen und dieses Hotel führen. Du wirst schon sehen!"
Alter Mann: "Ach, Ricardo, jemand wie du wird es nie aus diesem Keller herausschaffen, egal wie sehr wie sehr deine Schuhe glänzen."
Ricardo steigt langsam aus dem Keller empor, ohne zurückzublicken. Der alte Mann verschwindet in der Dunkelheit. Vor ihm erstreckt sich eine hohe Steintreppe, an deren Spitze ein schwaches Licht schimmert. Schritt für Schritt steigt er hinauf. Entlang der Treppe sind die Mitarbeiter der verschiedenen Abteilungen aufgereiht, die ihn über die Jahre hinweg begleitet haben. Die Zeiger einer großen Uhr drehen sich rasch und markieren die verstrichenen Jahre, bis sie um 19:00 Uhr zum Stillstand kommen. Es ist das Jahr 1951.
Es herrscht Chaos; das Personal eilt hektisch durch das Backoffice. Köche sind mit den Vorbereitungen des Essens beschäftigt. Pagen schleppen Koffer fort. Zimmermädchen scheuern den Boden. Die Rezeptionisten läuten eine Glocke. Alle bewegen sich rhythmisch und summen – wie in einem lauten Bienenstock.
Die Bühne rotiert und enthüllt eine imposante Eingangstreppe. Das Personal bildet eine Ehrengarde entlang der Stufen. Oben auf der Treppe stehen Ricardo, ein junger Mann von 23 Jahren, und Gloria van Daalen, die 55-jährige Hotelbesitzerin, im Scheinwerferlicht.
Gloria: Sie kommen spät, Richard... Warum ist Ihr Gesicht so nass? Wir wollen die neuen Gäste begrüßen. Wir können die Gäste nicht angemessen begrüßen, wenn Sie völlig verschwitzt sind! Ich weiß nicht was sie jedes Mal aufhält.
Ricardo: Madam, bitte entschuldigen Sie meine Verspätung! Was mich aufgehalten hat? Der Weg zu Ihnen bis hier oben war nicht einfach. Da können Sie sich gewiss sein. Wie dem auch sei…………… Das Haus ist vollständig ausgebucht, und es gibt kurz vor Ankunft der Gäste noch viel zu erledigen.
(Ricardo überreicht ihr eine Mappe. )
Gloria: (wirft einen kurzen Blick in die Mappe) Es ist wirklich erfreulich, dass das Haus heute vollständig belegt ist. (Sie blickt zum Publikum und bedankt sich.) Wie ich sehe, beherbergen wir heute die Familie ... und das Ehepaar ... Das verspricht, ein wunderbarer Abend zu werden. Finden Sie nicht auch, Richard?
Ricardo: (spricht sehr schnell) Was ich meine, Madam? Wir können uns glücklich schätzen, wenn unsere Gäste heute überhaupt etwas zu essen bekommen. Die Küchenhilfe hat einen Teil der Speisen weggeworfen. Der Küchenchef ging mit dem Küchenmesser auf die arme Küchenhilfe los. Ich konnte gerade noch einen Mord verhindern. Zudem haben wir unseren Oberkellner, der wie immer keinen Bock hat. Ein Page brachte einen Koffer ins falsche Zimmer, und nun ist der Koffer verschwunden. Niemand kann uns sagen, wo er geblieben ist. Die Hausdame hat die Zimmer noch nicht freigegeben, was die Rezeptionsmitarbeiter verärgert, da sie die Gäste nicht einchecken können. Viele Gäste warten noch in der Lobby darauf, ihre Zimmer beziehen zu können. Von den tausend anderen Problemen möchte ich gar nicht erst anfangen. (holt tief Luft) Aber ja, es wird sicherlich ein schöner Abend werden.
Gloria: Seien Sie doch nicht ständig so pessimistisch. (Schlägt ihm mit der Mappe leicht auf den Arm) Sie ruinieren noch meine gute Laune. Alles wird gut werden, wie immer. Sie werden schon sehen. Was sage ich Ihnen immer, Richard? Lächeln ist das Wichtigste. Es ist entscheidend, dass die Gäste nicht bemerken, was hinter den Kulissen vor sich geht. Wir wollen schließlich, dass unsere Gäste einen fantastischen Aufenthalt bei uns erleben. (Ricardo wirkt nicht überzeugt) Schauen Sie doch nicht so grimmig, Sie haben doch ein so schönes Lächeln. Es wird schon alles gut werden, es wird immer alles gut! Kommen Sie, lächeln Sie und begrüßen wir gemeinsam die Gäste. (Musik)
Das Personal eilt die Treppe hinunter, geschäftig hin und her laufend, mit ihren Arbeitsgeräten leicht schwingend und eine Melodie summend. Ricardo und Gloria steigen langsam die Treppe hinab. Alle singen im Chor, manche leise im Hintergrund: "Sehr gerne, sehr gerne."
Nr. 1 Schön, das Sie da sind, schön, Sie zu sehen.
Gloria: Richard, sind unsere Gäste nicht wieder hinreißend? Sie sehen alle so freundlich und hübsch aus. (winkt ins Publikum)
1 Akt 2. Szene
Die Treppe verschwindet und eine große Lobby wird sichtbar, ausgestattet mit Ledersesseln und -Sofas. Als Gloria und Ricardo unten ankommen, begegnet ihnen von links ein sehr schlanker Mann in den Dreißigern, gekleidet in einen perfekt sitzenden Frack.
George: Madam, den Gästen, die auf ihr Zimmer warten, habe ich in der Lobby Champagner servieren lassen.
Gloria: Perfekt, George, wie immer einfach perfekt. Was würde ich bloß ohne Sie machen? Sie denken wirklich an alles!
George: Das ist mein Beruf, Madam, ich bin der Concierge. Mein Job ist es, alles für die Gäste zu tun. (Wirft Ricardo dabei einen selbstgefälligen Blick zu.)
Ricardo: Vielen Dank, Herr Kaminski. Ist sonst noch was?!
George: (wendet sich erneut Gloria zu) in der Tat! An der Rezeption wartet jemand auf sie. Sie erwähnte, sie sei aus Europa und dass die Dame sie erwarte... (George wollte noch etwas hinzufügen.)
Gloria: Oh mein Gott, sie ist bereits angekommen! Ihr Flug war doch erst für morgen geplant? Ich war mir sicher, dass sie erst morgen kommt. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, es Richard zu sagen.
(Ricardo blickt fragend mal zu Gloria, mal zu George.)
George: Oh, du weißt es noch gar nicht! (ironisch) Das wird lustig.
(George dreht sich um und ging zurück zur Rezeption weg.)
Gloria: (Dreht sich schnell zu Ricardo) Überraschung!
Ricardo: Überraschung? ... (dachte kurz über das gesprochene nach) Was meinen Sie mit "Sie"? Madame, Sie meinen sicherlich, dass "es" heute angekommen ist.
Gloria: Nein, mein Lieber, wenn ich 'Sie' sage, dann meine ich auch 'Sie' und nicht 'es'. Seien Sie doch nicht so kleinlich.
Ricardo: (bemüht sich, ruhig zu bleiben) Madam, ES, SIE, ER, WER, Was auch immer es sein mag. Könnten Sie mir bitte sagen, um welche Überraschung es sich handelt?
Gloria: Es ist wirklich schwer, Sie zu überraschen! Es war so schwierig, die Überraschung geheim zu halten. Aber nun gut, ich werde es Ihnen verraten, bevor Sie vor Neugier platzen... Eine junge Dame, Miss Underwood!
Ricardo: Eine Frau? ... Soll das meine Überraschung sein, sie wollen mir eine Frau schenken? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dabei keine Hilfe benötige.
Gloria: Machen Sie sich nicht lächerlich, Richard! Ich schenke Ihnen doch keine Frau, ich gebe Ihnen eine Assistentin. Ist das nicht großartig?
Ricardo: Eine Assistentin! Wofür benötige ich eine Assistentin?
Gloria: Weil Sie Tag und Nacht im Hotel verbringen, was ich wirklich sehr zu schätze weiß. Wirklich! Sie sind noch so jung. In Ihrem Alter war ich tanzen, ging aus und hatte Spaß. Das sollten Sie auch tun. Nicht jeden Abend in diesem Hotel verbringen. Es gibt auch ein Leben außerhalb des Hotels!
Ricardo: Ich fühle mich hier wohl. Kein anderer Club in der Stadt kann sich mit diesem messen. Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre. Glauben Sie mir, ich kenne viele Clubs hier und viele haben dubiose Gestalten. Ich bin gerne hier, und schätze die angenehme Gesellschaft.
Gloria: Charmant wie eh und je. Nutzen Sie diesen Charme, um Kontakte zu gewinnen!
Ricardo: Kontakte? Wozu benötige ich Kontakte? Ich habe doch hier Freunde!
Gloria: Die hier im Hotel arbeiten, sie benötigen auch Freundschaften außerhalb des Arbeitsplatzes. Seien Sie nicht so skeptisch! Ich möchte lediglich, dass Sie Ihren Horizont erweitern und offener werden.
Ricardo: Dabei soll mir eine Assistentin helfen?
Gloria: Ach du meine Güte! Miss Underwood, ich habe sie ganz vergessen! Sie wartet sicher schon auf uns, die Arme. (Gloria hängt sich bei Ricardo ein.) Kommen Sie, Richard, wir sollten sie nicht länger warten lassen. Sie wissen, ich mag es nicht, wenn jemand auf mich warten muss.
Links wird eine Rezeption beleuchtet, hinter der George mit Gästen plaudert. Eine junge Frau, Mitte zwanzig, sitzt auf einem Ledersessel neben der Rezeption. Sie schaut sich neugierig im Hotel um und beobachtet die Gäste, während sie nervös mit dem Finger auf ihr Notizblock klopfte.
Gloria nähert sich als Erste mit ausgebreiteten Armen Miss Underwood. Diese steht eilig auf und ihr Notizblock fällt zu Boden, ohne dass sie die Chance hat, ihn aufzuheben. Gloria ergreift Miss Underwoods Hände. Ricardo wartet und betrachtet die junge Dame aus der Entfernung mit Misstrauen.
Gloria: Miss Underwood, es ist mir eine Freude, Sie endlich persönlich zu treffen. Monsieur Albon hat Sie mir sehr empfohlen. Ich habe schon mit großer Vorfreude auf unser Kennenlernen gewartet.
Olivia Underwood: (spricht sehr schnell) Madam van Daalen, es freut mich ebenfalls, Sie endlich kennenzulernen. Monsieur Albon hat stets voller Bewunderung von Ihnen gesprochen. Er lässt Sie herzlich grüßen.
Gloria: (lächelt verschmitzt) hat er das wirklich? Ich hoffe, er hat nicht zu viel preisgegeben. Ich werde ihn später anrufen und mich bedanken... Wie war Ihr Flug nach New York? Ich stelle mir das sehr aufregend vor, da ich noch nie geflogen bin. Früher bin ich mit dem Schiff aus Europa gekommen. Wie schnell doch die Zeit vergeht.
Olivia Underwood: Die Zeit im Flugzeug verging wie im Flug. Mein Sitznachbar sprach ohne Unterlass über die wildesten Dinge. Er erzählte, dass wir bald ins Weltall reisen könnten. Es wird sogar an einer Rakete gebaut, die zum Mond fliegen soll. Stellen Sie sich vor, zum Mond! Und das mit der Schallgeschwindigkeit soll... (wird von Gloria unterbrochen.)
Gloria: Das klingt alles sehr interessant, Miss Underwood. Sie können mir das gerne ausführlich in meinem Büro erklären! (Sieht sich um, bis sie Ricardo weiter hinten sieht. Sie winkt ihn zu sich herüber.)Ricardo, was machen Sie so weit entfernt? Kommen Sie her, ich möchte Ihnen Miss Underwood vorstellen!
Ricardo nähert sich den beiden. Als er bei ihnen ankommt, setzt er einen Fuß auf den Notizblock. Miss Underwood reicht Ricardo ihre rechte Hand. Sie steht dabei aufrecht und muss zu ihm aufblicken. Aus einiger Entfernung beobachtet George die Szene.
Olivia Underwood: Hallo, ich bin Olivia Underwood. Sie können mich Olivia nennen!
(Ricardo reicht ihr zögernd die Hand und blickt auf Olivia herunter.)
Gloria: Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Richard, jetzt sagen Sie doch was!(Wendet sich an Miss Underwood) Entschuldigen Sie, Richard! Normalerweise redet er ohne Unterbrechung! Ansonsten spricht er genauso schnell wie Sie, Miss Underwood. (lacht, als hätte sie einen guten Witz erzählt.) Da haben wir bereits eine Gemeinsamkeit. Ist das nicht großartig?
Ricardo: (diesmal spricht er langsam) Miss Underwood, es ist nett, Sie kennenzulernen.(Er blickt ihr direkt in die Augen und drückt ihre Hand, die er noch immer hält, ein wenig fester. Olivia entzieht ihm ihre Hand nicht und zeigt auch keine Regung.)
Gloria: (unterbricht die Situation und blickt Ricardo verwundert an. Ricardo lässt Miss Underwoods Hand los, während Olivia ihre Hand unbemerkt schüttelt.) "Miss Underwood, sicherlich sind Sie nach der langen Reise sehr müde. Bitte kommen Sie, wir haben ein Zimmer für Sie vorbereitet. George wird dafür sorgen, dass Ihre Koffer hinaufgebracht werden. Nachdem Sie sich etwas erholt haben, besuchen Sie mich bitte in meinem Büro. Sobald die Formalitäten erledigt sind, wird Richard Ihnen das Hotel zeigen. So haben Sie die Gelegenheit, einander besser kennenzulernen!"
(Rechts erscheint ein Aufzug)
Gloria signalisiert George, zur ihr zu kommen und gibt ihm kurze Anweisungen. Gloria und Olivia begeben sich zum Aufzug. Ricardo beabsichtigt, den Notizblock aufzuheben. George bemerkte das.
George: Frau Underwood, Ihr Notizblock!
(Olivia hastet zurück. George entreißt Ricardo den Notizblock. Ricardo blickt George verächtlich an.)
George: (Übergibt Olivia den Notizblock) Sie haben diesen vorhin fallen lassen. Bei all der Aufregung haben Sie es wahrscheinlich nicht bemerkt. Wir wollen ja nicht, dass Ihr Notizblock in die falschen Hände fällt. (Wirft Ricardo dabei einen schadenfrohen Seitenblick zu.)
Olivia: Danke sehr! Bitte nennen Sie mich Olivia.
George: Selbstverständlich! Vorausgesetzt, Sie nennen mich George.
Olivia: George, Sie sind mein Lebensretter. In diesem Notizblock sind all meine Notizen und Kontakte verzeichnet. Ohne ihn hätte ich alles verloren. Sie können sich nicht vorstellen, wie bedeutend diese für mich sind!
George: Das habe ich mir gedacht! Wenn Sie etwas brauchen, stehe ich Ihnen zur Verfügung.
Olivia: Danke, George, das ist sehr freundlich von Ihnen. (Blickt zu Ricardo.) Wir sehen uns später! (Ricardo nickt knapp.)
Olivia eilt zum Aufzug, auf den Gloria bereits wartet. Gemeinsam verschwinden sie im Aufzug. George und Ricardo stehen sich gegenüber, ihre Blicke voller Zorn. Ohne ein Wort zu wechseln, wenden Sie sich gleichzeitig ab. George geht nach links und murmelt leise auf Polnisch vor sich hin. Ricardo hingegen schreitet nach rechts und flucht leise auf Spanisch.
1. Akt 3. Szene
Im Personalraum saßen zwei Personen, die aßen. Ein junger Mann namens Joseph, Ende zwanzig, trägt eine Kochjacke und eine schwarze Hose. Eine junge Frau, Nora, ebenfalls Ende zwanzig, ist in einem langen, engen Rock und einer weißen Bluse gekleidet. Daneben stehen drei ältere Damen, die Schwestern, die als Zimmermädchen im Hotel arbeiten. Sie unterhalten sich lebhaft.
(Leise Musik im Hintergrund)
Tratschweib 1: Habt ihr schon gehört? Der Junge!
Tratschweib 2: Was gibt es denn schon wieder mit dem Jungen?
Tratschweib 3: Schon wieder der Junge!
Tratschweib 1,2,3: Immer dieser Junge, dieser Junge, dieser Junge!
Tratschweib 1: Er hat eine Überraschung bekommen!
Tratschweib 3: Eine Überraschung? Weißt du auch, welche?
Tratschweib 1: Nein, ich hoffe, es ist keine, die uns betrifft. Wir hatten schon genug Überraschungen mit ihm. Ich bin zu alt, um noch mehr seiner Überraschungen zu ertragen.
Tratschweib 2: Das kann man wohl sagen. (wendet sich an das Publikum) Was wir alles über den Jungen zu erzählen hätten! Aber wir sind hier nicht zum Tratschen. Tratschweiber, das sind wir gewiss nicht. Nein, nein, so etwas tun wir nicht. (Musik)
Die drei Tratschweiber singen:
Nr.2 Im Grunde ist er ein netter Kerl
(Tratschweib 2: wird nach vorne geschubst)
Tratschweib 1: Erzähl Ihnen von den Schuhen!
Die Tratschweiber werden still und nehmen an einem Tisch Platz, um Suppe zu essen. Ricardo betritt den Pausenraum, erblickt Joseph und Nora und gesellt sich zu ihnen.
Ricardo: (nickt den Tratschweiber zu) Na Ladys, habt ihr schon den neuesten Klatsch verbreitet? (Ging zu dem jungen Mann und der Frau und setzte sich dazu).
(Die Tratschweiber schauen beschämt in ihre Suppe und essen weiter.)
Joseph: Wir haben gerade erfahren, dass du eine Überraschung erhalten hast! (nickt in Richtung der Tratschweiber) Bitte sag mir, dass die Überraschung darin besteht, dass sie dich zum Direktor ernannt haben. So könntest du endlich diesen prahlerischen Küchenchef entlassen. Das wäre mir eine große Hilfe.
Ricardo: Was hat er denn nun wieder gemacht! (Blickt fragend zu Nora)
Joseph: Warum siehst du Sie so an? Ich habe nichts falsch gemacht! Unser Angeber wollte die Bouillabaisse, die ich zubereitet habe, einfach wegkippen, nur weil ich ein wenig Chili hinzugefügt habe.
Ricardo: Wie oft muss ich es dir noch sagen? Halte dich einfach an das Rezept. Wenn du der Küchenchef bist, kannst du machen, was du willst. Bis dahin bitte ich dich, dich an das Rezept zu halten.
Joseph: Die Rezepte sind ein Jahrhundert alt. Was versteht ein Dilettant schon vom Kochen? Er kann nur nach Rezept kochen. Er hat nicht einmal die Bouillabaisse probiert. Glücklicherweise konnte ich die Bouillabaisse noch rechtzeitig retten. Sie steht dort hinten, und heute wird sie als Personalessen serviert. Fühl dich frei, die Suppe zu probieren.
Ricardo: Vielleicht mache ich das später, momentan habe ich keinen Appetit!
Nora: Es muss wirklich eine große Überraschung gewesen sein, wenn sie dir deswegen den Appetit genommen hat. Du siehst genauso aus, wie ich, wenn ich wieder eine Absage beim Casting bekomme. Du bist sicher nicht zum Direktor ernannt worden. Höchstens zum MOD – Master of Desaster. Direktor, dass ich nicht lache! In welcher Welt lebt ihr eigentlich? Er ist doch viel zu jung dafür. Schau dir nur sein Milchgesicht an! Bis dahin werden noch Jahre ins Land gehen. (Sie drückt Ricardo liebevoll am Kinn.)
Ricardo: (Wendet den Kopf zur Seite) Direktor! ... davon bin ich meilenweit entfernt. Das ist mir heute wieder klar geworden. Ich habe jetzt eine Assistentin! Ist das nicht großartig?
Nora/Joseph: Eine Assistentin?
Ricardo: Genau das habe ich gemeint!
Nora: Eine Frau?
Ricardo: So habe ich auch Reagiert!
Joseph: Wozu brauchst du eine Assistentin?
Ricardo: Genau, das habe ich ebenfalls gefragt!
Nora: Wo ist deine neue Assistentin, macht sie sich schön für dich?
Joseph: Sei nicht albern! Wie ist ihr Name, deine Assistentin?
Ricardo: Miss Underwood! Olivia Underwood!
Nora: Wäre es nicht besser, sie Miss Understudy zu nennen?
Joseph: Miss Understudy? Lustig, was bedeutet das eigentlich?
Nora: Im Theater nennen wir jene, die in der Zweitbesetzung spielen.
Ricardo: Miss Understudy finde ich gut! ... Lass uns über etwas anderes sprechen, sonst verdirbt es mir noch die Stimmung! Wie war dein Casting gestern? Ich habe ja deine Schicht übernommen. Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Welches Musical war es gleich nochmal?
Nora: Der König und ich!
Ricardo: Richtig, ist das nicht das Musical mit der britischen Lehrerin? Diese Rolle scheint wie für dich geschaffen. Wenn britische Gäste da sind, ist dein Akzent immer sehr authentisch.
Nora: Offenbar war es nicht britisch genug für Sie. Dieses Mal war ich überzeugt, dass ich die Rolle bekommen würde. Ich war so gut vorbereitet! Ich habe gesungen und getanzt, alles gegeben, was ich hatte. Aber niemand hat mich bemerkt. Niemand hat mir zugehört. Es war, als wäre ich unsichtbar. Als ob Sie sich bereits entschieden hätten. Ich glaube, ich hatte nie wirklich eine Chance.
Ricardo: Nora, du warst sicher großartig. Wer könnte dich übersehen! (Ricardo blickt auf die Uhr.) Nora, lass uns später weitersprechen. Deine Schicht fängt gleich an. Nicht das du wieder zu spät kommst. Du weißt, wie sehr es dem Oberkellner gefällt, dich aufzuziehen, wenn du spät dran bist.
Nora: Nur weil er keine Ziele mehr verfolgt!
(Alle verlassen hastig den Pausenraum)
1 Akt 4. Szene
Nora bedient die Gäste, während Nora bedient Summt sie ein Lied. Ringsum sitzen Gäste an kleinen Tischen und führen lebhafte Gespräche. Niemand nimmt Notiz von Nora. Es wird langsam Dunkel. Scheinwerferlicht geht auf Nora an. (Musik)
Nr.3 Keiner sieht mich. Keiner hört mir zu
1.Akt 5. Szene
Der Personalraum ist leer. Verärgert betritt Joseph den Raum. Kurz darauf folgt Olivia, die fluchte, und knallt ihren Notizblock auf den Tisch.
Joseph: Sachte, sachte Lady. Was hat Ihnen denn die Laune verhagelt? Nein, sagen Sie nichts – ich kann es mir schon denken.
Olivia: Sie sehen auch nicht gerade glücklicher aus. Was hat Ihnen denn die Stimmung verdorben? Ach, was soll`s…….ich bin so wütend. So habe ich mir das nicht vorgestellt.
Joseph: Was hat er diesmal von Ihnen verlangt?
Olivia: Genau das ist es, er verlang nichts, absolut nichts. Er hat immer schon alles erledigt. Schläft er überhaupt? Er akzeptiert nichts. Keine meiner Fragen beantwortet er, obwohl ich so viele habe.
Joseph: Lassen Sie ihm noch etwas Zeit. Wissen Sie, Ricardo ist im Grunde... (Olivia unterbricht Ihn).
Olivia: Ja, ja, ich weiß, im Grunde ist er ein netter Kerl. Das höre ich ständig. Ich frage mich nur, an welchem Grund das sein soll.
Joseph: Auch wenn er mein Freund ist, kann ich Sie verstehen. In der Küche ergeht es mir ähnlich. Der Küchenchef und der Oberkellner – die beiden Blender – sind so festgefahren, dass sie keine meiner Ideen annehmen. Ich werde ständig nur belächelt.
Olivia: Das tut mir leid zu hören, das war mir nicht bewusst! Das ist wirklich furchtbar. Ich bin erst seit einigen Wochen hier und konnte mir noch kein umfassendes Bild von den verschiedenen Abteilungen machen.
Joseph: Machen Sie sich keine Sorgen! Es ist nichts, was Sie ändern könnten. Ricardo hat es auch versucht. Wir werden nicht ernst genommen. Niemand hört zu.
Olivia: Teilen Sie mir bitte Ihre Ideen mit. Ich würde sie gerne hören.
Joseph: (Überlegt kurz) Also gut. Ich würde diesen Service am liebsten abschaffen. Alles wird vom Wagen serviert oder auf diesen unansehnlichen Platten. So kann das Essen nicht richtig wirken. Wo bleibt da die Kreativität?
Olivia: Was würden Sie stattdessen vorziehen, zu tun?
Joseph: Am liebsten würde ich jeden Gang einzeln auf Tellern servieren, so wie es viele Restaurants bereits tun. Eine ordentliche Abfolge von 5 bis 6 Gängen.
Olivia:I ch stelle mir vor, dass Ihr Küchenchef das praktischer findet, alles auf Platten zu servieren.
Joseph: Ja, genau das meine ich, es fehlt an Kreativität.
Olivia: Joseph, Kreativität ist hier nicht der Schlüssel; was Sie benötigen, ist eine Kostenkalkulation.
Joseph: Eine was?
Olivia: Das sind die Vor- und Nachteile. Es geht um die Zahlen. Was alles kostet und was am Ende übrigbleibt.
Joseph: Zahlen dominieren ständig, aber wo ist der Raum für Kreativität? Es sollte mehr wie Rock 'n' Roll sein!
Olivia: Wie Rock 'n' Roll, das Hotel ist doch keine Tanz, wo alle durcheinander tanzen können. Das muss alles seine Ordnung haben.
Joseph: Sie sind mit Rock 'n' Roll, vertraut? Das überrascht mich! Aber wie auch immer, vielleicht sollte das Hotel einem Rock 'n' Roll gleichen: Man fügt etwas Rhythm & Blues hinzu (ein Ton erklingt), mischt etwas Gospel dazu (Chorgesang ertönt), und gibt einen kräftigen Schuss Blues hinzu. So entsteht alles, was man benötigt. Hand in Hand, ohne Rezepte und ohne Zepter, in Harmonie, so dass man sorglos zu Rhythm & Blues tanzen kann. Aus solch einer Mischung muss einfach etwas Gutes hervorgehen. So sollte auch das Kochen sein: Jeder trägt das Beste bei.
Komm, ich zeige es Ihnen. Vielleicht verstehen Sie mich dann besser. (Die Musik wird lauter.)
Joseph nimmt Olivia an die Hand und zeigt ihr die Grundschritte des Rock 'n' Roll. Immer mehr Mitarbeiter kommen in den Personalraum und beginnen nach und nach, sich dem Tanz anzuschließen.
Ricardo und Nora betreten den Personalraum. Ricardo sieht Joseph und Olivia, die zusammen tanzen und lachen. Die Musik stoppt abrupt, alle hören auf zu tanzen langsam nahm das Personal Platz. Nur Joseph und Olivia blieben stehen.
Ricardo: Miss Underwood, was tun Sie hier? Sie hier im Personalraum zu finden, hätte ich am wenigsten erwartet.
Olivia: (errötet vom Tanzen) Falls es Ihnen entgangen sein sollte, ich bin auch Personal und kein Gast!
(Ein raunen erfüllt den Personalraum. Ricardo ist verärgert.)
Ricardo: Natürlich nicht, Sie sind meine Assistentin, ob es mir gefällt oder nicht.
Olivia: Sie lassen mich jeden Tag spüren, wie sehr ich Ihnen willkommen bin. Aber egal, ob es Ihnen passt oder nicht, ich bin nun mal hier!
Nora: Miss Understudy, achten Sie besser auf Ihren Ton!
Joseph: Nora, halt dich da raus!
Nora: Oh, nach einem kurzen Tänzchen seid ihr bereits Freunde?
Ricardo: Nora, nichts für ungut. Ich kann meine Probleme alleine Lösen!
(Ricardo war im Begriff zu gehen)
Joseph: Ricardo, gib ihr eine Chance! Wir haben doch alle eine erhalten. Muss ich dich wirklich daran erinnern?
Ricardo: (Ricardo verharrt, ohne sich umzudrehen.) Miss Underwood, kommen Sie bitte, wir haben noch etwas zu tun.
(Olivia eilt zur Ricardo, dreht sich nochmal um und bedankt sich stumm bei Joseph.)
1 Akt 6. Szene
Ein großes weißes Tuch wird so beleuchtet, dass es aussieht, als würde man einen Hotelflur entlanggehen. Ricardo und Olivia gehen schweigend den Flur entlang.
Olivia: Richard, wegen vorhin, das ist normalerweise nicht meine Art.
Ricardo: Schon gut! Joseph hat recht, jeder verdient eine Chance! Ich möchte nicht, dass man sagt, Sie hätten keine bekommen.
Olivia: Gut, dann wäre das geklärt. Warum sind wir hier?
Ricardo: Wir müssen einige Zimmer überprüfen. Einige werden gerade renoviert. Wir sollten herausfinden, welche Zimmer die Renovierung wirklich benötigen.
Olivia: Worauf sollten wir besonders achten?
Ricardo: Ob das alte Mädchen Risse zeigt, es soll nichts von seiner Pracht einbüßen. Solange ich hier bin, wird es das beste Hotel der Welt bleiben. (Ricardo streicht liebevoll über das Tuch und flüstert leise): "Solange ich hier bin, wird es dir an nichts mangeln."
Olivia: (Neugierig sah sie Ricardo zu, wie er über das Tuch strich.) Darf ich Ihnen eine Frage stellen?
Ricardo: Ihre Neugier ist bemerkenswert. Ist das schon immer Ihr Wesen gewesen?
Olivia: Antworten erhält man nur durch Fragen!
Ricardo: Dann stellen Sie Ihre Frage.
Olivia: Was macht dieses Hotel so besonders für Sie?
Ricardo: Das ist schwer zu erklären. Dieses Hotel bedeutet für mich mehr als nur Budget und Zahlen.
Olivia: Ein Hotel besteht nur aus Budget und Zahlen. Das ist warum ein Hotel funktioniert. Versuchen Sie mich zu überzeugen, dass es mehr ist. Erzählen Sie mir davon, ich möchte es verstehen. (Musik)
Nr.4 Mein Zuhause ist hier
(Ricardo wendet sich wieder zu Olivia zu)
Ricardo: Alle Erinnerungen, die ich an meine Mutter habe, sind hier.
Olivia: Sie sind also wirklich hier aufgewachsen!
Ricardo: Ja, sogar nachdem meine Mutter gestorben war.
Olivia: Wie alt waren Sie damals?
Ricardo: Zehn.
Olivia: Zehn, Sie waren noch jung. Hat Madam Sie großgezogen?
Ricardo: Nein, das hat die beste Freundin meiner Mutter gemacht. Sie und Madame haben verhindert, dass ich ins Kinderheim musste. Ich konnte nicht bei ihr wohnen, weil ihre Wohnung zu klein ist und sie bereits zwei Kinder hat. Deshalb hat Madame mir erlaubt, hier zu wohnen. Aber Tita hat die Vormundschaft übernommen.
Olivia: Tita?
Ricardo: Ja, Tita bedeutet auf Spanisch 'Tante'. Ich nenne sie schon so, seit ich klein bin. Vielleicht haben Sie sie bereits getroffen Señora Castillo, sie ist hier Hausdame.
Olivia: Nein, dazu hatte ich bisher noch keine Gelegenheit.
(Eine Dame Ende der vierziger steht im Flur.)
Rita: Ricardo, bist du mit der Kontrolle fertig?
Ricardo: Hola, Tita, wir haben gerade über dich gesprochen. Wir sind dabei, die Zimmer zu kontrollieren!
Rita: Ich hoffe, Ricardo langweilt sich nicht mit den alten Geschichten über das Hotel.
Ricardo: Tita, das ist Miss Underwood!
Rita: Ricardo, ich weiß, wer Sie ist. Ich bin die Hausdame in diesem Haus. Und wie du weißt, funktioniert die Flüsterpost hier sehr gut. Meine Tratschweiber erzählen mir alles.
Olivia: Es freut mich, Sie kennenzulernen. Leider hatte ich noch nicht die Gelegenheit, mich bei Ihnen vorzustellen. Miss Castillo.
Rita: Señora Castillo, aber alle nennen mich Rita.
Olivia: Und ich bin Olivia.
Rita: Es ist auch schön, Sie endlich kennenzulernen. Schön zu sehen, dass Sie hier zusammen die Zimmer kontrollieren. Wunder geschehen doch noch. Wissen Sie, Olivia, Ricardo braucht immer etwas Zeit, um aufzutauen. Sie müssen verstehen...........(wird unterbrochen von Olivia)
Olivia: Lassen Sie mich raten, er ist im Grunde ein netter Kerl.
Rita: Intelligent und witzig, ganz anders, als du sie mir beschrieben hast.
Ricardo: Ich sagte nur das Miss Underwood sehr neugierig ist. Tita, das hatte ich dir im Vertrauen gesagt.
Rita: Als ob du ein Geheimnis daraus machen würdest, dass du Olivia nicht magst. Dabei ist sie durchaus reizend. Du solltest dich schämen; so haben wir dich nicht erzogen.
Ricardo: Ist das alles, Tita? Bevor du mich noch weiter blamierst, können wir bitte mit der Kontrolle der Zimmer fortfahren?
Rita: Geht nur ihr beide.
(Beide waren im Begriff zu gehen.)
Rita: Ricardo,…………… keine Ausreden heute, du kommst zum Essen. El Tito würde sich freuen. Er hat sonst niemanden, mit dem er über Fußball sprechen kann.
Ricardo: Habe ich denn eine andere Wahl? Ich werde kommen. (Ricardo gibt Rita zum Abschied einen Kuss auf die Wange) Ich komme gerne!
Rita: Olivia, Sie sind ebenfalls eingeladen, vorausgesetzt, Sie haben nichts anderes vor.
Olivia: Ich würde sehr gerne kommen.
Rita: Schön, das freut mich. Ricardo wird Sie abholen.
(Ricardo wollte widersprechen)
Rita: Keine Wiederrede!
1. Akt 7. Szene
(In der Lobby kommen Ricardo und Olivia gerade vom Essen zurück.)
Olivia: Danke für den schönen Abend. Ich sollte jetzt gehen, es ist schon spät.
Ricardo: Bevor Sie gehen, darf ich Ihnen eine Frage stellen?
Olivia: Sie habe eine Frage?
Ricardo: Das wäre nur fair. Sie haben heute Abend so viel über mich erfahren, aber ich weiß nichts über Sie.
Olivia: Sie haben nie gefragt.
Ricardo: Ich frage Sie jetzt.
Olivia: Was möchten Sie wissen?
Ricardo: Wo Sie aufgewachsen sind, was Sie bisher gemacht haben, wie es in Europa ist?
Olivia: So viele Fragen. Nun gut, es gibt nicht viel über meine Kindheit zu berichten. Ich war nie lange genug an einem Ort, um mich heimisch zu fühlen – Sie müssen wissen meine Eltern sind Geologen. Während des Krieges zogen wir in die Heimatstadt meiner Mutter, Zürich. Meine Eltern entschieden, dass es sicherer für uns wäre, in der Schweiz zu bleiben. Mit neunzehn besuchte ich die Hotelfachschule in Lausanne. Nach meinem Abschluss zog ich nach Dublin. Ich hatte immer den Wunsch, in der Stadt zu leben, in der mein Vater aufgewachsen ist. Was Europa betrifft, so ist es ganz anders als New York. Sie sollten unbedingt einmal nach Europa gehen. Man kann es nicht beschreiben, es gibt so viel zu entdecken. Es würde Ihnen sicher gefallen.
Ricardo: Nun, ich weiß nicht. Hier gefällt es mir sehr. Doch ich kann mir vorstellen, dass es aufregend sein muss, so aufgewachsen zu sein. Schon als Kind so viele Orte gesehen zu haben.
Olivia: Ja, das war es rückblickend. Als Kind war es für mich nicht immer leicht, ständig Orte und Freunde zu verlassen. Aber mittlerweile schätze ich es sehr. Es hat mich weit gebracht.
Ricardo: Bis nach New York.
Olivia: Ja, bis nach New York, ins beste Hotel der Welt. (Ricardo nickte und musste lächeln.) Darf ich auch noch eine Frage stellen, bevor Sie gehen?
Ricardo: Noch eine Frage? Hat dieser Abend nicht bereits all Ihre Fragen beantwortet? Ihre Neugier kennt keine Grenzen.
Olivia: Ich ergreife die Gelegenheit. Ich konnte Ihnen wochenlang keine Fragen stellen.
Ricardo: Touché. Aber bitte, danach keine weiteren Fragen! Mein Kopf brummt schon von all den Fragen.
Olivia: Ich habe mich gefragt, warum Sie während der Arbeitszeit immer Richard genannt werden, obwohl Ihr Name Ricardo ist.
Ricardo: Es ist eine Schutzmaßnahme. Es liegt an unseren geschätzten Gästen. Nicht alle sind so, aber Madame möchte nicht, dass einige Gäste uns aufgrund unserer Herkunft oder Namen herabwürdigen. Wissen Sie, George heißt eigentlich Gregor. Nora ist in Wirklichkeit Nuriel, und meine Tante wird normalerweise Margarita genannt. Viele von uns haben andere Namen. Es gibt leider immer noch viele Vorurteile. Diese Namen dienen uns als Schutzschild.
Olivia: Das war mir nie so bewusst! Und Joseph?
Ricardo: Joseph ist Joseph! Es ist für uns kein Problem, wirklich nicht. Glauben Sie mir, bei manchen Gästen war ich sehr dankbar dafür. Trotzdem würde ich es bevorzugen, wenn Sie mich weiterhin Richard nennen.
Olivia: Ich verstehe. Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. (Olivia wollte sich bereits umdrehen und gehen.)
Ricardo: Warten Sie! Wollen Sie nicht noch mit in den Personalraum kommen? Einmal im Monat gibt es dort eine Party. Sie gehören schließlich auch zum Personal.
Olivia: (Olivia versucht ihre Freude zu verbergen, um professionell zu bleiben) Es ist schon spät, und wir müssen morgen früh aufstehen.
Ricardo: Morgen ist morgen! Der Abend ist noch jung. Es macht wirklich Spaß. Sie sollten mitkommen.
Olivia: Morgen ist morgen! Gut, ich komme mit.
(Ricardo und Olivia gehen zum Personalraum. Im Personalraum tanzt und singt das gesamte Personal. Auch Madam van Daalen ist dabei und tanzt mit George. Nora singt.)
1.Akt 8. Szene
(Olivia saß in einem alten Stuhllager im Westflügel und machte sich Notizen, als Ricardo hinzukam.)
Ricardo: Was machst du hier?
Olivia: Ich bin oft nach Feierabend hier. Und du, was machst du hier?
Ricardo: Manchmal komme ich hierher, um in Ruhe nachzudenken. Gut, dass ich dich treffe. Ich habe eine Bitte an dich.
Olivia: Um was geht's?
Ricardo: Könntest du bitte morgen die Gästelisten mit George durchgehen?
Olivia: Ja klar, kein Problem!
Ricardo: Danke, ich schulde dir was.
Olivia: In dem Fall habe ich eine Frage.
Ricardo: Das war klar, dass du eine Frage hast! Was möchtest du wissen?
Olivia: Was ist zwischen dir und George?
Ricardo: Zwischen George und mir ist nichts! Hat er dir etwas erzählt?
Olivia: Nein, sonst würde ich nicht nachfragen.
Ricardo: Also gut, so viel dazu: Ich dachte, wir sind Freunde, und Freunde sollten einander vertrauen.
Olivia: Manchmal ist man nicht in der Lage, alles zu erzählen, auch wenn man es möchte. Es hängt nicht mit Vertrauen zusammen, sondern damit, ob man selbst bereit ist.
Ricardo: Es wäre dennoch besser gewesen, von Anfang an informiert zu sein. Auch wenn man Angst hat, sollte niemand anders für einen entscheiden, ob man damit umgehen kann oder nicht. So könnte man angemessener reagieren und sich nicht dumm fühlen, wenn man von einen fremden angesprochen wird.
Olivia: Er wollte dich bestimmt nur beschützen!
Ricardo: Beschützen? Nein! Er hat damit nur noch mehr Distanz geschaffen. Bitte, lass uns das Thema wechseln.
Olivia: Ja, natürlich. Es war nicht meine Absicht, alte Wunden aufzureißen.
Ricardo: Das hast du auch nicht! …….Aber sag mir, seit wann weiß du von dem Raum?
Olivia: Seit ein paar Monaten. Als ich im Hotel herumschlich, bin ich zufällig auf diesen Raum gestoßen.
Ricardo: Dieser Raum war einst ein Speakeasy!
Olivia: Ein geheimer Spielclub! Wirklich? Erzähl mir mehr davon!
Ricardo: Während der Prohibition musste das Hotel irgendwie überleben. Der Vater der Madam betrieb hier illegal Alkoholausschank und Glücksspiel. Es war damals die einzige Möglichkeit für ihn. Nach dem Ende der Prohibition geriet dieser Raum nach und nach in Vergessenheit und dient jetzt nur noch als Lager für Stühle. Sprich bloß nicht mit der Madam darüber; sie ist auf diese Zeit nicht besonders stolz.
Olivia: Das werde ich nicht! Es ist nur schade, dass dieser Raum jetzt nur noch als Lager für alte Möbel dient.
Ricardo: Manchmal wollte Madam dem Raum neues Leben einhauchen etwas Sinnvolles machen, aber irgendwie kam es nie dazu. Oft habe ich davon geträumt, hier ein Tanzlokal mit einer Big Band und Gesang zu eröffnen, so wie man es in Hollywood-Filmen sieht. Der Raum wäre groß genug. In Las Vegas sind solche Unterhaltungsshows sehr beliebt. Dann könnte Nora hier als Sängerin arbeiten. Das würde mich für sie freuen. So würden sich ihre Träume erfüllen.
Olivia: Nicht nur ihr Traum. Die Idee ist gar nicht schlecht. Vielleicht können wir noch mehr daraus machen. Und es bleibt nicht nur ein Traum.
Ricardo: Ja, warum nicht? Daran habe ich noch nie gearbeitet.
Olivia: Bevor wir zu Madam gehen, sollten wir so viele Ideen wie möglich sammeln und ein richtiges Konzept erstellen.
Ricardo: Natürlich, wir müssen es ihr richtig präsentieren. Wir könnten auch Nora und Joseph fragen, ob sie noch ein paar Ideen haben.
Olivia: Sicher, je mehr Ideen, desto besser. Seid ihr beide ein Paar?
Ricardo: (Ricardo lacht) wer? Joseph und ich!?
Olivia: Du weißt, wenn ich meine.
Ricardo Das kommt jetzt aber überraschend. Nein, wie kommst du darauf? Wir sind nur gute Freunde.
Olivia: Ich dachte nur, weil du immer für Nora da bist.
Ricardo: Wir kennen uns schon lange und haben viel zusammen erlebt. Nichts weiter.
Olivia: Nichts weiter?
Ricardo: Nichts weiter. Warum fragst du?
Olivia: Nur so,….sind wir dann für heute durch?
Ricardo: Ja, das sind wir. Ich wünsche dir einen schönen Feierabend.
Olivia: Danke, dir auch. Wir sehen uns morgen.
(Olivia verließ das Lager und ließ einen perplexen Ricardo zurück.)
1.Akt 9. Szene
George und Olivia stehen an der Rezeption und überprüfen die Gästeliste.
George: Heute erwartet uns Miss Amber mit ihrer anspruchsvollen Tochter. Ich habe das Restaurant bereits informiert. Sie hat ja ihre speziellen Essenswünsche. Außerdem kommt sie immer kurz vor Küchenschluss. Die Küche ist vorgewarnt, aber schon jetzt leicht verärgert.
Olivia: Oh ja, ich hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen mit ihr. Wenn sie mit mir gesprochen hat, hat sie mich nicht einmal angesehen, als wäre ich ein Mensch zweiter Klasse.
George: Das kann doch nicht wahr sein! Heute wird uns wirklich nichts erspart. Mister Rental ist auch heute unser Gast. Ricardo wird darüber sicherlich nicht erfreut sein. Er muss sein Temperament im Zaum halten.
Olivia: Nach seinem letzten Besuch kann ich Richard gut verstehen! Selbst ich hätte Herrn Rental am liebsten des Hauses verwiesen.
George: War es wirklich so schlimm? Was ist denn passiert? Ich habe Gerüchte gehört, konnte aber leider nichts Konkretes erfahren. Nicht einmal die Tratschweiber wussten Bescheid. Ricardo brauche ich gar nicht erst zu fragen.
Olivia: Madam wollte es nicht an die große Glocke hängen, deshalb wussten selbst die Tratschweiber nichts davon. Ich erzähle es dir, aber nur, wenn es unter uns bleibt. Immerhin bist du der Concierge, du solltest informiert sein.
George: Keine Sorge, von mir erfährt niemand etwas. Als Concierge bin ich zur Diskretion verpflichtet.
Olivia: Zur Begrüßung haben wir ihm eine Etagere mit Pralinen überreicht, wie immer. Dieses Mal war es Pralinen mit Alkohol. Du weißt ja, Madam macht die Vorgaben.
George: Schon wieder die Pralinen?
Olivia: Ja, schon wieder die Pralinen! An jenem Tag waren wir beide an der Rezeption. Mister Rental trat direkt an Richard heran. Man konnte in seinen Augen erkennen, dass er auf Konfrontation aus war. Vor allen Gästen beleidigte er Richard, kritisierte, dass er keinen Alkohol trinke und meinte, Richard sollte es nach all den Jahren besser wissen. Die Szene spielte sich für alle sichtbar in der Lobby ab und war äußerst unangenehm für Richard. Doch Richard erklärte ihm ruhig und sachlich, dass momentan nur diese Pralinen verfügbar seien, als Gastgeschenk für die Gäste, und dass er keine anderen Pralinen anboten werde.
George: Herr Rental macht jedes Mal ein Theater um die Pralinen. Er hat eine bevorzugte Sorte, und wenn er diese nicht erhält, wird er ungemütlich. Und stellen Sie sich vor, Mister Rental trinkt keinen Alkohol? Dabei konsumiert er doch regelmäßig eine ganze Flasche Wein allein beim Essen im Restaurant.
Olivia: Kein Wunder also, dass Richard so verärgert war.
George: Auch wenn ich meine Differenzen mit Ricardo habe, hätte Mister Rental ihn nicht vor allen Gästen herabwürdigen dürfen. Manchmal frage ich mich, mit welchem Recht er das tut. Es ist ein Geschenk des Hauses; wenn es ihm nicht gefällt, sollte er es einfach liegen lassen. All dieser Aufwand wegen ein paar Pralinen. Warum reg ich mich nur so auf? War das für Mister Rental wirklich ausreichend?
Olivia: Nein, natürlich nicht, was denkst du denn? Du wirst es kaum glauben – Mister Rental hat sich heimlich an Madame gewandt, die zufällig in der Lobby saß, um mit Freunden ihren Nachmittagstee zu genießen. Er hat sich schrecklich bei ihr beklagt.
George: Hatte die Madam die Diskussion etwa nicht bemerkt?
Olivia: Doch, sie hat es bemerkt. Alle Hotelgäste in der Lobby haben es bemerkt. Sie wollte sich jedoch nicht einmischen. Richard sollte die Angelegenheit selbst regeln.
George: Es war wirklich unverschämt von Mister Rental, sich heimlich an den Tisch von Madam zu setzen. Ein solcher Parasit, nur um etwas auf Kosten des Hauses zu erhalten. Was hat Madam Mister Rental denn aus Wohlwollen gegeben?
Olivia: Eine Lektion! Sie bat ihn, an ihrem Tisch Platz zu nehmen und erklärte, dass alle Gäste im Haus dieselben Pralinen erhalten und sich bisher niemand beschwert habe. Er sei der einzige Gast, der sich über ein Geschenk des Hauses beschwere. Wenn ihm das nicht gefalle, könne er das Haus jederzeit verlassen. Sollte er jemals wieder so respektlos mit einem ihrer Mitarbeiter sprechen, wäre er in diesem Hotel nicht mehr willkommen.
George: Clever, einfach clever... Ich liebe diese Frau.
Olivia: Ja, das ist sie. Sie hat sofort erkannt, dass es eine persönliche Angelegenheit gegen Richard war und ihm damit den Rücken gestärkt. Ich glaube nicht, dass sich Mister Rental jemals wieder beschweren wird.
George: Sie hat ihn absichtlich neben sich sitzen lassen, damit alle Gäste sehen konnten, was für ein Schmarotzer er ist, ohne ihr eigenes Ansehen zu schädigen. Das war eine wichtige Lektion für euch.
Olivia: Ja, tatsächlich bin ich nun seit vier Monaten hier und habe bereits so viel von Madam gelernt. Sie verpasst wirklich nichts, was im Hotel vor sich geht. Ich dachte, ich hätte die beste Hotelschule besucht, jetzt verstehe ich Richard, er hat recht hier ist die beste Schule der Welt.
George: Versteht ihr euch, Ricardo und du, jetzt besser?
Olivia: Manchmal haben wir zwar noch unsere Differenzen, aber im Moment läuft es gut. Warum redet ihr beide, du und Richard, nicht miteinander?
George: Ich bin schon vor deiner Neugier gewarnt worden.
Olivia: Bitte weiche nicht aus!
George: Wir vertreten eben unterschiedliche Ansichten!
Olivia: Was die Arbeit angeht, ich weiß, es ist nicht immer einfach mit ihm. Es wirkt nur so, als würde es dich und Richard belasten. Ihr beide seht manchmal... wie soll ich sagen... recht enttäuscht aus.
George: Es ist nicht einfach zu erklären. Früher war es anders. Noch vor einem Jahr hatten wir ein sehr gutes Verhältnis. Du musst wissen ich war sein Mentor. Ich zeigte ihm alles, was ich weiß. Wir verstanden uns ausgezeichnet. Manchmal vergaß ich, wie jung er eigentlich war. Da Madam wollte, das er auch mal das Hotel verlässt. Nahm ich ihn sogar gelegentlich mit in die Clubs, damit er etwas Abwechslung zum Hotelalltag hatte. Ich hatte das Gefühl, dass es Ricardo Spaß machen würde. Es war immer sehr lustig mit ihm, bis er etwas erfuhr, das er besser nicht gewusst hätte.
Olivia: Dass du Männer bevorzugst!
George: (Er blickte sich nervös um) Woher weißt du das? Hat Ricardo es dir erzählt?
Olivia: Nein, Richard spricht nicht über dich. Es geht eher, um deine Art zu sprechen und bestimmte Gesten, die dich verraten. Mir ist es aufgefallen, weil ein ehemaliger Schulkamerad ähnliche Gesten hatte. Er versuchte auch, sie zu verbergen, was ihm nicht immer gelang. Wir müssen nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst. Ich werde nicht weiter nachfragen, was passiert ist.
George: Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was passiert ist. Wir waren eines Abends in einem Club unterwegs. Plötzlich war er verschwunden. Am nächsten Tag fragte ich ihn, warum er so abrupt gegangen ist. Er sagte nur, er wisse, was ich mit Männern mache und dass er nichts damit zu tun haben wolle. Seitdem spricht er nur noch das Nötigste mit mir. Seitdem meide ich Ricardo. Glaub mir, ich wollte nie etwas von ihm; er ist nicht mein Typ.
Olivia: Ich glaube dir! Denkst du dass jemand aus dem Club es ihm verraten hat?
George: Das kann ich mir nicht vorstellen, zumindest nicht absichtlich. Alle Männer, die ich kenne, sind sehr verschwiegen. Niemand würde darüber sprechen.
Olivia: Es war sicherlich ein Schock für ihn, als er davon erfuhr. Obwohl er für sein Alter sehr reif ist, reagiert er in bestimmten Situationen sehr unerfahren. Wer weiß es sonst noch?
George: Olivia, das ist keine Sache, die man öffentlich macht. Wenn es jeder wüsste, könnte es mich meinen Job kosten. Madam ist sehr tolerant, aber selbst sie kann es sich nicht leisten, einen schwulen Mitarbeiter zu beschäftigen. Der Skandal wäre riesengroß.
Olivia: Richard, hat also niemand was verraten.
George: Nein, er hat mich nicht verraten. Keiner weiß davon, außer jetzt du und Madam.
Olivia: Madam, weiß es?
George: Natürlich weiß sie es! Sie kennt alle Geheimnisse ihrer Mitarbeiter.
Olivia: Warum hast du es ihm nie gesagt? Du hast doch gesagt, ihr wärt gute Freunde. Hast du ihm etwa nicht vertraut?
George: Ich wollte Ricardo nicht damit belasten. Ich dachte, er würde es nicht verstehen. Es ist nicht leicht, ständig die Angst zu haben, entdeckt zu werden. Ich bin aus meiner Heimat geflohen, um nicht öffentlich vorgeführt und anschließend erschossen zu werden. Sie haben alle verfolgt, die anders waren. Es gibt Tage, an denen es selbst für mich schwer ist, mich zu akzeptieren. Man kann nicht immer so sein, wie man wirklich ist. Viele verstecken ihr wahres Ich. Ich hatte Angst, dass Ricardo mich anders ansehen würde, wenn er wüsste, wer ich wirklich bin. Das wollte ich nicht. Schließlich war ich sein Mentor. Aber leider ist es doch so gekommen.
Olivia: Das kann ich nicht glauben. Richard schaut dich manchmal so an, als würde er einen Freund vermissen.
George: Olivia, ich weiß, du meinst es nur gut. Aber ich denke, du bildest dir das nur ein. Entschuldige mich bitte einen Moment. Mister Hill kommt gerade an, ich muss kurz etwas mit ihm klären. (George geht zu einem Mann. Beide unterhalten sich abseits des Raumes.)
(Olivia umrundet die Rezeption und tritt in die Mitte der Lobby, wo das Licht auf sie fällt.)
Nr.5 Club der Sehnsucht
1.Akt 10.Szene
(Zwei Tratschweiber sitzen im Pausenraum. Die dritte stürmt ganz aufgeregt herein.)
Tratschweiber 3: Ihr werdet nicht glauben, wen ich gerade gesehen habe.
Tratschweiber 2: Ach du meine Güte, was bist du heute wieder dramatisch?
Tratschweiber 3: Ausgerechnet du sagst das. Willst du es wissen oder nicht?
Tratschweiber 1: Bestimmt hat sie wieder einen berühmten Schauspieler gesehen. Und dann stellt sich heraus, dass es nur ein ganz normaler Gast war. Weißt du noch als geglaubt hat Rock Hudson gesehen zu haben. Du solltest wirklich langsam über eine Brille nachdenken.
Tratschweib 2: Sei lieber still, sonst erzählt sie uns nie, wenn sie gesehen hat. Komm meine Liebe du siehst ganz………….(sieht sie von oben bis unten an) konfus aus. Setz dich hin und erzähl uns, was du gesehen hast.
Tratschweib 3: (Nimmt sich Zeit, sich hinzusetzen) Ich habe den Jungen gesehen!
Tratschweib 1: Habe ich dir nicht gesagt. Die will sich nur wieder aufspielen.
Tratschweib 2: Bist du jetzt ruhig. (wendet sich an Tratschweib 3) Meine Liebe was ist daran so besonders? Den sehe ich jeden Tag!
Tratschweib 3: Nicht diesen Jungen, den anderen!
Tratschweib 2: Nein, er ist zurück. Warum sagst du das nicht sofort?
Tratschweib 3: Du lässt mich ja nie aussprechen.
Tratschweib 2: Warum ist er schon hier?
Tratschweib 3: Das kann ich dir leider auch nicht sagen. Er kam wie ein Dieb durch die Hintertür herein.
Tratschweib 1: Wie ein Dieb, sagst du. Hat die Madame keine Ahnung, dass er kommt?
Tratschweib 3: Nein, er möchte sie überraschen. Er hat mich gebeten, es niemandem zu sagen, was ich natürlich nicht tun werde. Außer euch natürlich.
Tratschweib 2: Natürlich.
Tratschweib 3: Ihr habt es nicht von mir.
Tratschweib 1: Nein, natürlich nicht. Niemand wird es von uns erfahren. Er war sehr lange fort, nicht wahr?
Tratschweib 2: Ja, sehr lange. Vier Jahre, wenn ich mich recht erinnere. (Musik)
Nr. 6 Können, kann er nichts. Dafür hat er Charme
1.Akt 11. Szene
(Ricardo, Olivia, Nora und Joseph stehen allein im Restaurant. Es sind keine Gäste da. Das Licht ist auf sie gerichtet.)
Ricardo: Jetzt müssen wir nur noch die Madam überzeugen.
Nora: Es wäre wundervoll, wenn es klappen würde, aus dem alten Stuhllager im Westflügel ein Tanzlokal mit Live-Musik zu machen. Das klingt für mich wie ein Traum.
Ricardo: Das Lager ist abgelegen und groß genug. Die Hotelgäste würden von der Musik nichts mitbekommen. Lärmbelästigung wäre also kein Problem. Dieser Raum wäre ideal dafür. Hier könntest du jeden Abend so laut singen, wie du möchtest.
Joseph: Ihr möchtet also, dass dort auch Essen angeboten wird. Olivia: Ja, es soll gutes Essen geben. Danach können die Gäste auf der Tanzfläche zu Live-Musik tanzen. Es wird eine vielfältige Mischung sein.
Joseph: Darf ich dann auch das Essen auf den Tellern servieren?
Olivia: Auf jeden Fall. Wir benötigen dann einen schnellen und unkomplizierten Service. Ohne großen Aufwand.
Ricardo: Wie bereits erwähnt, sind dies vorerst nur Visionen. Olivia und ich haben einige Ideen zu Papier gebracht. Um diese zu verwirklichen, benötigen wir eure Unterstützung. Sicherlich habt ihr auch noch einige gute Vorschläge.
Joseph: Was ihr da beschrieben habt, klingt fantastisch. Ich mache mit. Ich bin voller Ideen und kann es kaum erwarten, diese zu realisieren. Je schneller, desto besser. Es wäre ein Traum.
Olivia: Wir müssen sämtliche Kosten im Auge behalten. Es ist wichtig, dass wir das Projekt für Madam attraktiv gestalten.
Ricardo: Es wird nicht leicht sein, all unsere Visionen mit den Kosten in Einklang zu bringen. Ich habe so etwas noch nie zuvor gemacht. Könntest du dich darum kümmern?
Olivia: Natürlich, ich werde es mit dir durchgehen, bevor wir es Madam präsentieren.
Ricardo: Würdest du das wirklich tun?
Olivia: Aber sicher! Wir alle möchten, dass es ein Erfolg wird. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, bis alles perfekt ist. Ich werde alles notieren, was uns in den Sinn kommt, in meinem Notizbuch.
Nora: Das wäre eine tolle Chance für mich. Vielleicht wird es nie etwas mit dem Broadway. Worauf warten wir noch? Lasst uns beginnen!
(Alle waren gerade dabei, das Restaurant zu verlassen, als Madame van Daalen mit einem jungen Mann, der 22 Jahre alt ist, das Restaurant betrat.)
Vincent: Überraschung!
Gloria: Schaut, wer zurück ist! Ist das nicht eine wunderbare Überraschung?
Ricardo: Wie viele Überraschungen muss ich denn noch ertragen!
Gloria: Ich war selbst sehr überrascht. Wir haben dich erst in zwei Monaten erwartet. Vincent hat sein Praktikum in Amsterdam vorzeitig beendet.
Ricardo: Wahrscheinlich haben sie ihn gebeten zu gehen!
Vincent: Ricardo, du bist immer noch so witzig wie früher! Glaub es oder nicht, ich habe all das hier vermisst. Ich wollte nach Hause kommen. Nach vier Jahren in Europa habe ich beschlossen, dass ich genug gelernt habe.
Gloria: Und du bist natürlich herzlich willkommen!
Vincent: Wie ich sehe, hat sich einiges geändert! Wir haben neue Mitarbeiter. Haben wir auch einen neuen Chefkoch?
Joseph: Noch nicht, aber bald. Ich bin Joseph. Es ist schön, Sie persönlich kennenzulernen. Ich habe schon viel Gutes über Sie gehört.
Vincent: Das hoffe ich doch. Sie treten in große Fußstapfen. Jemand, der weiß, was er will, das gefällt mir. Und wer ist die charmante Dame?
Olivia: Ich bin Miss Underwood, es freut mich, Sie kennenzulernen.
Vincent: Ich habe bereits von Ihnen gehört. Sie sind Ricardos rechte Hand! Hat er endlich jemanden gefunden, der sein Chaos ordnet?
Olivia: Ich bevorzuge Assistentin, Mister van Daalen.
Vincent: Selbstverständlich, bitte entschuldigen Sie, Miss Underwood. Ich wollte nicht respektlos sein. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Ich bin sicher, wir werden gut zusammenarbeiten.
Olivia: Davon gehe ich aus!
Nora: Willst du mich nicht begrüßen? Hast du mich etwa in den vier Jahren, die du fort warst, vergessen?
Vincent: Hallo Nora, dich zu vergessen wäre unmöglich. Ich bin nur überrascht, dich noch hier zu sehen. Ich dachte, du wärst längst am Broadway und hättest uns alle vergessen.
Nora: Ich bin immer noch hier. Der Broadway kann warten.
Vincent: Nun gut, ihr werdet mir später alles ausführlich erzählen. Ich möchte mich jetzt gerne frisch machen, es war eine lange Reise. Wie wäre es, wenn wir uns später an der Bar treffen und mit Champagner auf meine Rückkehr anstoßen?
Gloria: Das klingt fabelhaft. Komm, lass uns in mein Büro gehen. Du musst mir alles über das Hotel in Amsterdam und meinen Cousin erzählen. Wie geht es ihm?
(Gloria und Vincent verlassen das Restaurant)
Olivia: Also das ist Vincent, ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt.
Ricardo: Ja, das ist Vincent, leibhaftig und in Person.
Nora: Ricardo, geht es dir gut?
Ricardo: Ich frage mich, warum er sein Praktikum abgebrochen hat.
Nora: Du hast ihn gehört. Er hat das hier alles vermisst. Glaubst du ihm nicht?
Ricardo: Es klang zumindest überzeugend. Ich hoffe nur, dass er sich auf seinen Reisen verändert hat.
Joseph: Was meinst du damit?
Ricardo: Bevor er ging, hat er dem Hotel mehr Schaden als Nutzen zugefügt. Er legte keinen Wert auf Familie und Tradition. Deshalb hat Madame ihn nach Europa geschickt, damit er alles hier ernster nimmt und versteht, dass dieses Hotel nicht nur ein Mittel ist, um seine Vergnügungen zu finanzieren.
Olivia: Ich habe schon gehört, dass Vincent ein Lebemann ist, der gerne Geld für schöne Dinge ausgibt.
Nora: Es ist wahr, Vincent war immer großzügig mit Geld, und er hatte seinen Spaß dabei. Komm schon, Ricardo, wir hatten viele lustige Abende mit Vincent. Du musst zugeben, nicht alle seine Ideen waren schlecht. Einige waren kühn, aber niemand kam je zu Schaden.
Ricardo: Weil er nie die Konsequenzen tragen musste!
Olivia: Richard, mach dir keine Sorgen. Dem Hotel wird nichts passieren. Was auch immer dich beunruhigt, wir werden es gemeinsam durchstehen.
Joseph: Genau, was auch immer es sein mag, wir werden es meistern.
Nora: Du sorgst dich mehr, als nötig. Vincent mag mit seinem Charme vieles bewirken, aber nicht alles ist möglich. Das ist auch Madam bewusst, selbst wenn er ihr Neffe ist. Sie würde niemals zulassen, dass diesem Hotel Schaden zugefügt wird, unabhängig von Vincents glorreichen Ideen. (Musik)
Nr.7 Bis ans Ende.
1. Akt 12. Szene
(Madam und Vincent befinden sich im Büro von Madam. Ein massiver Holztisch dominiert den Raum, vor dem Tisch stehen zwei Stühle.)
Gloria: Deine Überraschung ist dir wirklich gelungen. Wir haben dich erst in zwei Monaten zur 50-jährigen Jubiläumsfeier erwartet.
Vincent: Du wirkst nicht sehr erfreut.
Gloria: Doch, das bin ich... durchaus. Es war nur so unerwartet. Ich hätte dir gerne einen angemessenen Empfang bereitet. Dann hättest du nicht wie ein Dieb durch die Hintertür kommen müssen. Schließlich warst du lange fort.
Vincent: Ich wollte dich überraschen, deshalb kam ich nicht durch die Vordertür. Der Concierge hätte sofort Alarm geschlagen, wenn er mich gesehen hätte. Die verflixte Petze.
Gloria: Nenne ihn nicht so! Das ist Georges Aufgabe als Concierge – über alles Bescheid zu wissen, wer das Hotel betritt und verlässt.
Vincent: Nun gut, jetzt bin ich hier.
Gloria: Also gut, erzähl mir, warum hast du dein Praktikum abgebrochen? Hat es dir nicht gefallen? Ich weiß, mein Cousin kann manchmal sehr streng sein.
Vincent: Nein, das war es nicht. Ich habe mich sehr gut mit ihm verstanden und viel von ihm gelernt. Er hat mir viele Dinge erzählt, die mir zuvor nicht so bewusst waren.
Gloria: Welche Dinge?
Vincent: Über unsere Familie und die Traditionen, die beide Hotels miteinander verbinden. Jetzt verstehe ich, wie wichtig dir die Familie und dieses Hotel sind. Ich bin dir sehr dankbar, dass ich diese Reise machen durfte. Diese vier Jahre haben mich stark geprägt.
Gloria: Es freut mich, dass zuhören.
Vincent: In den vier Jahren, die ich weg war, hat sich so viel verändert!
Gloria: Die Zeiten ändern sich. Man muss sich anpassen.
Vincent: Ich meine nicht die Zeit an sich. Ich spreche vom Personal. Warum hat Ricardo jetzt eine Assistentin? Ist er zum Direktor aufgestiegen? Bevor ich ging, war er doch nur ein Hoteldiener, der alle möglichen Aufgaben für dich erledigte.
Gloria: Er war nie mein Diener, auch kein Direktor, doch hat er viele dieser Aufgaben übernommen. Er entlastet mich, damit ich mich auf die wichtigen Dinge konzentrieren kann, die mir sonst entgehen würden. Seit deinem Weggang hat sich Richard als sehr wertvoll erwiesen. Er ist ein geschätzter Mitarbeiter, dessen Entwicklung ich unterstützen wollte. Durch seinen Fleiß und seine harte Arbeit hat er sich das verdient.
Vincent: Wozu dann eine Assistentin?
Gloria: Weil weder die Mitarbeiter noch ich Richard noch etwas beibringen können.
Vincent: Warum schickst du ihn dann nicht weg, wie du es mit mir gemacht hast, ins Ausland?
Gloria: Ich habe dich nicht weggeschickt. Du hast selbst gesagt, dass du dafür sehr dankbar bist.
Vincent: Das ist genau, was ich meine, ich habe viel gelernt.
Gloria: Du kennst Richard, er würde das Hotel niemals aus eigenem Antrieb verlassen. Für ihn ist das Hotel alles.
Vincent: Warum Miss Underwood? Wäre ein Mann für diese Aufgabe nicht besser geeignet gewesen?
Gloria: Ich wollte die Beste für den Job! Miss Underwood wurde mir wärmstens empfohlen. Sie war die Beste ihres Jahrgangs an der renommiertesten Hotelschule der Welt, der École Hotelier de Lausanne in der Schweiz. Das hat vor ihr noch keine Frau erreicht.
Vincent: Ist sie dann nicht zu klug für ihn? Dass sich Ricardo darauf eingelassen hat?
Gloria: Anfangs war es nicht leicht. Ohne Señora Castillos Hilfe wäre es mir vielleicht nicht gelungen. Richard kann sehr stur sein. Für Miss Underwood war es anfangs sehr schwer. Sie musste viel Geschick und Geduld aufbringen, damit Richard sich helfen ließ. Mittlerweile sind sie ein gutes Team. Das hatte ich mir sehr erhofft. Ich wusste, sie ist die Richtige dafür!
Vincent: (Klopft sich aufs Knie) Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Du bist die beste Strippenzieherin, die ich kenne. Ich habe dich vermisst, Tante. (Gloria lächelt nur verschmitzt) Ich würde mich noch gerne weiter unterhalten, aber die lange Reise hat mich müde gemacht. Ich würde mich jetzt gerne ausruhen.
Gloria: Natürlich, George wird dir ein Zimmer geben. Dein altes Zimmer muss noch hergerichtet werden.
Vincent: Sehen wir uns später an der Bar?
Gloria: Ich werde da sein!
1. Akt 13. Szene
(George steht an der Rezeption und spricht mit Mister Hill. Vincent gesellt sich dazu.)
Vincent: (Vincent unterbricht das Gespräch.) Hallo George, du bist unverändert! Wie immer sehr zuvorkommend zu unseren bezaubernden Gästen.
George: Hallo Vincent, wie ich sehe, bist auch du unverändert. Stets so präsent. Kann ich dir behilflich sein? Du scheinst es eilig zu haben, da du nicht warten kannst, bis du an der Reihe bist.
Vincent: Ich bin in Eile. Meine Tante sagte, du hättest ein Zimmer für mich. Ich würde gerne ins Zimmer gehen um mich ausruhen. Bitte gib mir den Schlüssel, dann kannst du dich wieder deinem Gast widmen.
George: Hier hast du den Schlüssel. Wir haben uns bereits um dein Gebäck gekümmert. Es ist schon im Zimmer.
Vincent: Das dachte ich mir! Immer perfekt. (Vincent nimmt den Schlüssel und betrachtet den Gast genauer.)
George: (Ungeduldig) Gibt es sonst noch etwas?
Vincent: Nein, alles bestens. Es ist einfach schön zu sehen, dass einige Dinge gleichgeblieben sind. Ich hatte schon befürchtet, dass sich hier alles verändert hat.
George: Wie du siehst, ist vieles beim Alten geblieben. Wenn das alles ist, dann wünsche ich dir einen angenehmen Aufenthalt!
Vincent: Aufenthalt? ... Danke, den werde ich sicherlich haben.
(Vincent begab sich zum Aufzug. George und Mister Hill setzten ihr Gespräch fort.)
1.Akt 14. Szene
(In der Küche herrscht Dunkelheit, nur Joseph ist noch da und kocht. Ein schwaches Licht beleuchtet ihn. Vincent betritt leicht angetrunken die Küche.)
Vincent: Joseph, mein Freund, du bist noch hier? Was machst du denn so spät noch hier?
Joseph: Ich experimentiere mit neuen Rezepten. Ricardo ist informiert, er hat es mir erlaubt.
Vincent: Ach wirklich? Wie auch immer, ich bin wegen meines riesigen Hungers hier. Was hast du da gekocht? Es riecht fantastisch!
Joseph: Es ist ein kreolisches Gericht, ein Rezept meiner Urgroßmutter. Es ist das beste Hühnchen Gericht, das ich kenne. Ich möchte es salonfähig machen.
Vincent: Kreolisch, sagst du?
Joseph: Ja, Kreolisch. Es stammt ursprünglich aus der französischen Küche.
Vincent: Interessant! Kann ich es probieren?
Joseph: Aber natürlich, bitte sehr!
Vincent: Warum so förmlich, Joseph? Nenn mich ruhig Vincent. (Er nimmt einen Löffel und probiert von dem Gericht.) Ist das wirklich so gut? Es schmeckt ausgezeichnet! Das muss auf die Speisekarte. Ich bin wirklich beeindruckt.
Joseph: Möchtest du noch etwas davon? Soll ich dir einen Teller anrichten?
Vincent: Absolut! Ich habe wirklich Glück, dass du hier bist. Sonst hätte ich mir nur ein kaltes Sandwich zubereiten müssen. Aber das hier ist um Längen besser.
Joseph: Es freut mich zu hören, dass es dir schmeckt. (reicht Vincent einen Teller) Zu dieser Uhrzeit ist normalerweise niemand hier, also kann ich entspannt neue Rezepte ausprobieren. Bist du oft so spät noch unterwegs?
Vincent: Selten, das war heute eher spontan. Ich war mit Nora unterwegs, und wir haben in Erinnerungen geschwelgt. Nachdem ich sie nach Hause gebracht hatte, bekam ich noch Hunger. Deshalb bin ich hier. (nimmt einen weiteren Löffel) Es schmeckt wirklich ausgezeichnet!
Joseph: Du warst also mit Nora unterwegs?
Vincent: Man könnte es nicht wirklich Ausgehen nennen. Es war mehr ein Wiedersehen wie zwischen Geschwistern. Ich war noch sehr jung, als Nora hier im Hotel zu arbeiten begann.
Joseph: Wart ihr damals Freunde, du, Ricardo und Nora?
Vincent: Wir hatten unseren Spaß. Um es mal so auszudrücken, meine Tante hatte es nicht leicht mit uns. (zeigt mit dem Löffel auf den Teller) Das hier ist wirklich fantastisch. Wenn dein Essen immer so gut ist, solltest du deine eigene Küche haben.
Joseph: Wir sind dabei, daran zu arbeiten. Wir haben bereits eine Idee im Kopf.
Vincent: Wir? Erzähl mir mehr, ich bin gespannt darauf zu hören.
Joseph: Ich kann noch keine Details nennen. Es sind momentan nur Ideen, die wir in Olivias Notizbuch sammeln. Noch ist nichts in Stein gemeißelt. Ich kann bis jetzt nicht darüber reden.
Vincent: Gib mir Bescheid, sobald du mehr weißt. Ich würde dir gerne unter die Arme greifen. Du bist talentiert. Das muss unterstützt werden.
Joseph: Würdest du das wirklich für mich tun?
Vincent: Sicherlich, dieses Haus hat schon immer Talente gefördert. Das war das Werk meiner Großeltern, meine Tante setzt es fort, und ich möchte diese Tradition aufrechterhalten.
Joseph: Ich muss das mit Ricardo besprechen!
Vincent: Selbstverständlich, tu das. Aber denk daran, du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du Unterstützung benötigst. (ergriff eine weitere Kelle aus dem Topf und verließ die Küche)
Joseph: Danke, Vincent, ich weiß das zu schätzen.
Vincent: Sehr gut! (Vincent verließ die Küche mit einem Teller in der Hand) (Musik)
Joseph begann, in die Melodie von "Keiner sieht mich. Keiner hört mir zu" einzustimmen und summt mit, während er die Küche putzt. Er singt und tanzt dazu: "Endlich sieht mich jemand. Endlich hört mir jemand zu. Endlich erkennt jemand mein Talent. Endlich kann ich zeigen, was in mir steckt." Dann geht das Licht aus.
1.Akt 15. Szene
(Im Pausenraum unterhielten sich einige Mitarbeiter. Nora und Joseph saßen am Tisch und gähnten gleichzeitig.)
Joseph: Ich habe gehört, dass du gestern Abend mit Vincent unterwegs warst.
Nora: Woher weißt du das? Von den Tratschweiber wieder? Man kann wirklich nichts vor ihnen geheim halten.
Joseph: Nein, nein, ich habe es nicht von den Klatschtanten. Vincent kam gestern Abend noch in die Küche. Er wollte sich ein Sandwich machen.
Nora: Und was hast du so spät noch in der Küche gemacht?
Joseph: Ich habe die Gerichte getestet. Für unser Projekt, weißt du. Wir haben uns gut unterhalten.
Nora: Fleißig, fleißig... worüber habt ihr gesprochen?
Joseph: Nichts Wichtiges, er mochte, was ich gekocht habe. Das ist alles. Ich denke, er wird bei Madame ein gutes Wort für unser Projekt einlegen.
Nora: Wenn Vincent einen Vorteil darin sieht... sicher. Versteh mich nicht falsch, Vincent ist in Ordnung!
Joseph: Aber?
Nora: Aber... Vincent nimmt auch viel Raum ein. Er macht alles zu seinem Eigen.
Joseph: So wie du mit deinem Publikum?
Nora: Das ist nicht vergleichbar! Ich singe und tanze gerne für das Publikum. Um es salopp auszudrücken, Vincent ist eine Rappensau.
Joseph: Das hätte ich von ihm nicht erwartet! Er ist sehr hilfsbereit und aufmerksam, er übernimmt sogar Aufgaben, die Ricardo nicht gerne macht.
Nora: Die vier Jahre in Europa scheinen ihn stark verändert zu haben. So war er nicht, bevor er nach Europa ging.
Joseph: Kein Wunder, dass Ricardo anfangs so skeptisch war. Welche Differenzen gab es denn zwischen Ricardo und Vincent?
Nora: Ricardo nimmt das Leben viel zu ernst, während Vincent es viel lockerer sieht.
Joseph: Das kann er ja auch, er ist immerhin Madams Neffe.
Nora: Vincent hatte es auch nicht leicht als Kind!
Joseph: Was genau ist passiert?
Nora: Ich weiß nicht viel. Nur so viel. Vincent kam erst mit 12 Jahren ins Hotel. Über sein Leben davor ist kaum etwas bekannt, außer Madam weiß natürlich Bescheid. Er spricht nicht gerne darüber. Ich weiß nur, dass seine Mutter gestorben ist und er danach in verschiedenen Pflegeheimen war, bevor er zu Madam ins Hotel kam.
Joseph: Und sein Vater?
Nora: Niemand weiß etwas über seinen Vater, nicht einmal Vincent.
Joseph: Das ist ähnlich wie bei Ricardo!
Nora: Ja, nur dass Ricardo hier aufgewachsen ist. Soweit ich weiß, war er immer der Liebling aller, bis Vincent auftauchte.
Joseph: Also ist Ricardo eifersüchtig auf Vincent.
Nora: Ich würde eher sagen, Ricardo hat sich von Vincent bedroht gefühlt. Was Ricardo sich mühsam erarbeitet hat, hat Vincent sich mit seinem Charme angeeignet.
Joseph: Ist Ricardo nicht älter als Vincent?
Nora: Ja ist er, aber nicht viel älter, vielleicht ein Jahr. Das macht jedoch kaum einen Unterschied. Ricardo würde das nie zugeben, aber in manchen Dingen ähneln sie sich sehr.
(Nora wollte weiterreden, als sie Ricardo in den Personalraum kommen sieht. Er setzt sich zu Nora und Joseph.)
Ricardo: Nora, was ist los? Du wolltest mit mir sprechen.
Nora: Ähm, ja, ich wollte fragen, ob du morgen Abend meine Schicht übernehmen könntest.
Ricardo: Schon wieder! Nora, ich kann nicht ständig für dich einspringen, nur weil du ein Casting hast.
Nora: Nein, es geht nicht um ein Casting. Ich habe eine Verabredung.
Joseph: Schon wieder mit Vincent?
Ricardo: Warum schon wieder Vincent?
Joseph: Sie war gestern mit Vincent aus!
Nora: Du brauchst gerade was sagen, du hast ihm gestern das Essen gemacht.
Ricardo: Du warst gestern noch mit Vincent unterwegs?
Nora: Ja, das war ich! Hast du etwas dagegen?
Ricardo: Nein, warum sollte ich? Ich bin nur überrascht.
Nora: Darf ich nicht mit einem alten Freund ausgehen?
Ricardo: Tu, was du möchtest. Warst du nicht verärgert über Vincent, weil er gegangen ist, ohne sich zu verabschieden? Du wolltest doch kein Wort mehr mit ihm wechseln.
Nora: Das ist schon eine Ewigkeit her. Wir haben uns alle seitdem verändert.
Ricardo: Wenn du meinst! Wenn es nicht für ein Casting ist, warum brauchst du dann morgen frei?
Nora: In einen Club in Brooklyn ist eine Sängerin ausgefallen. Eine Freundin von mir hat mich empfohlen. Bitte, Ricardo, lass mich nicht hängen.
Ricardo: In Brooklyn? Ist es da nicht gefährlich, besonders allein als Frau? Was erhoffst du dir davon?
Nora: Du musst dir keine Sorgen machen, eine Freundin kommt mit. Außerdem kann ich gleichzeitig Inspirationen sammeln.
Ricardo: Inspirationen ja? Das soll ich dir glauben?
Nora: Ja, das kannst du mir ruhig glauben!
Ricardo: Wie auch immer. Ist schon gut, ich übernehme deine Schicht. Aber das ist das letzte Mal!
Joseph: Sagst du das nicht jedes Mal?
Ricardo: Sei lieber still, sonst übernehme ich keine Frühschicht mehr für dich, nur weil du verschlafen hast. Wenn nichts weiter ist, muss ich jetzt gehen! Meine Tante wartet auf mich. Ihr solltet auch los, bevor ihr Ärger bekommt, weil ihr so spät dran seid. Ich kann euch nicht immer decken.
(Alle drei standen auf und verließen den Raum.)
1. Akt 16. Szene
(Rita steht vor der großen Treppe in der Lobby und wartet mit einem Papier in der Hand auf Ricardo. Ricardo kommt eilig auf sie zu.)
Ricardo: Tut mir leid, ich wurde aufgehalten.
Rita: Kein Problem, ich habe nicht lange gewartet. Hier sind die letzten Zimmer. Ihr könnt sie jetzt freigeben. (Überreicht Ricardo das Papier)
Ricardo: Danke, Tita, du bist die Beste. Es ist perfekt, dass die Zimmer bereits frei sind. So werden die Gäste nicht ungeduldig. Olivia wird sich freuen.
Rita: Hast du noch einen Moment, oder musst du gleich gehen?
Ricardo: Tita, du weißt doch, dass ich für dich immer Zeit habe. Was bedrückt dich? Ich merke, dass etwas dich beunruhigt.
Rita: Wie läuft es bei der Arbeit mit Olivia und dir?
Ricardo: Gut, wir kommen gut miteinander aus. Durch sie sehe ich viele Dinge jetzt anders, was mir weiterhilft.
Rita: Das freut mich zu hören. Und wie steht es um Vincent? Versteht ihr euch?
Ricardo: Für die paar Wochen, die Vincent jetzt zurück ist, läuft es erstaunlich gut. Er scheint sich wirklich verändert zu haben, engagiert und bringt sich ein. Anscheinend ist er erwachsen geworden.
Rita: Wie kommt Olivia mit Vincent zurecht?
Ricardo: Sie hat wenig mit ihm zu tun. Ich habe den Eindruck, sie hält ihn auf Distanz.
Rita: Olivia ist clever. Sie will nicht zwischen die Fronten geraten, zwischen dir und Vincent.
Ricardo: Das würde ich auch nicht zulassen. Momentan gibt es keine Konflikte. Nein, wirklich, alles läuft hervorragend. Es könnte nicht besser sein.
Rita: Deine Mutter wäre sehr stolz auf dich.
Ricardo: Glaubst du? Leider erinnere ich mich kaum noch an sie.
Rita: Ich sehe sie jeden Tag in deinem Gesicht und in deinem Herzen.
Ricardo: Ich erkenne mich leider nicht in ihr. Ich kann nur hoffen das es so ist.
Rita: Glaube mir es ist so. Das du ohne Eltern aufzuwachsen müsstest ist schlimm genug. Diese Erfahrung teilst du leider auch mit Vincent.
Ricardo: Ich hatte euch, dich und Madam. Ohne euch hätte ich es nicht so weit gebracht.
Rita: Wie es scheint, hat Madam mal wieder recht behalten; am Ende wird alles gut.
Ricardo: So sieht es aus! Tita, entschuldige bitte, ich muss weiter. (Musik)
Rita: Natürlich, ich möchte dich nicht aufhalten.
(Ricardo küsste seine Tante auf die Wange und verließ den Raum. Rita blickte nach oben, wo Gloria auf der Empore stand und zufrieden das Geschehen beobachtete. Sie stieg langsam die Treppe hinauf und blieb neben Gloria auf der Empore stehen.)
Nr.8 Kannst du es von da oben sehen
(Beide stehen auf der Empore und blicken nach unten. Ricardo, Gloria und Vincent stehen unten, lachen und unterhalten sich lebhaft. Beide lächeln zufrieden. Das Licht erlischt.)
1. Akt 17. Szene
(Es war kurz nach Mitternacht. Olivia saß allein im Restaurant. Alles lag im Dunkeln, nur der Tisch, an dem Olivia saß, war beleuchtet. Die letzten Mitarbeiter verabschiedeten sich von Olivia, bevor sie das Lokal verließen. Vertieft schrieb sie in ihren Notizblock und bemerkte nicht, dass Vincent sich von rechts näherte.)
Vincent: Noch so spät bei der Arbeit?
Olivia: (Olivia erschrickt) Oh, Sie sind es.
Vincent: Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.
Olivia: Ich muss sehr vertieft gewesen sein. Ich habe Sie nicht kommen hören.
Vincent: Störe ich Sie gerade?
Olivia: Nein, ich habe gerade alles erledigt. Ich war dabei, mir noch ein paar Notizen zur Jubiläumsfeier zu machen. Ich stand kurz davor zu gehen.
Vincent: Darf ich mich noch setzen, bevor Sie gehen?
Olivia: Selbstverständlich, setzen Sie sich.
Vincent: Nun bin ich fast einen Monat hier. Es ist angenehm, Sie einmal ohne Ricardo zu treffen. Ich wollte schon länger die Gelegenheit haben, unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen. Nichts gegen Ricardo, aber man sieht Sie beide fast immer zusammen. Ist er Ihr Schatten?
Olivia: Sind Sie etwa eifersüchtig? So hört es sich jedenfalls an!
Vincent: Was wäre, wenn ich es wäre?
Olivia: (sie ignorierte seine Bemerkung) worüber möchten Sie sprechen?
Vincent: Ich würde gerne über vieles sprechen. Beispielsweise über Europa und Ihre Eindrücke hier in New York, fern Ihrer Heimat. Ob jemand auf Sie wartet.
Olivia: Sosehr ich auch über Europa sprechen möchte, ich würde es vorziehen, das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Es ist bereits spät.
Vincent: Verzeihen Sie, Miss Underwood, ich wollte nicht aufdringlich wirken. Ich benötige wirklich Ihre Hilfe bezüglich der Jubiläumsfeier. Ich möchte meine Tante überraschen. Bitte lassen Sie mich jetzt nicht im Stich.
Olivia: Was schwebt Ihnen vor?
Vincent: Etwas, über das man noch Jahre später spricht. Ich bin mir nur bislang nicht sicher, was es sein könnte. Dabei brauche ich Ihre Hilfe. Kommen Sie, wir öffnen eine Flasche Wein und denken darüber nach.
Olivia: Es ist bereits spät. Können wir das nicht auf morgen verschieben?
Vincent: Bitte, ich habe nicht mehr viel Zeit. Es ist mir wirklich wichtig. Es wird nicht lange dauern. Bitte.
Olivia: In Ordnung, aber nur kurz.
Vincent: Ich danke Ihnen, ich bin Ihnen sehr dankbar. Vielen Dank, ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Warten Sie, laufen Sie bitte nicht weg, ich hole schnell eine Flasche Wein aus dem Lager. (Vincent steht auf und verlässt den Raum. Er kommt mit zwei Flaschen Wein zurück.) Ich wusste nicht, ob Sie lieber Rot- oder Weißwein trinken, also habe ich einfach beide mitgebracht.
Olivia: Ich trinke lieber Weißwein, von Rotwein bekomme ich immer Kopfschmerzen!
Vincent: Das sind hervorragende Weine. Die müssen sie unbedingt probieren. Glauben sie mir, das werden sie nicht bereuen.
Vincent holte noch zwei Weingläser, öffnete die Weinflasche, schenkte Olivia und sich jeweils ein Glas ein und setzte sich wieder zu ihr. Beide nahmen einen Schluck Wein. Das Licht erlischt.
1. Akt 18.Szene
(Olivia saß im Personalraum und hielt sich den Kopf. Nora kam hinzu.)
Nora: Ach du meine Güte, was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht durchgezecht.
Olivia: Nur die halbe Nacht. Nicht die ganze.
Nora: Bei deinem Aussehen macht das keinen Unterschied. Warst du mit Ricardo noch unterwegs?
Olivia: Nein, nicht mit Ricardo. Mit Vincent.
Nora: Mit Vincent?
Olivia: Bitte schrei nicht so.
Nora: Miss Unnahbar, bist du etwa Vincent's Charme erlegen?
Olivia: Das ist nicht der Fall. Er wollte lediglich Hilfe für die Jubiläumsfeier in zwei Wochen.
Nora: Nenn es, wie du möchtest. Mit seinem Charme erreicht er immer sein Ziel.
Olivia: Du musst es ja wissen! An deinen Abend mit Vincent, gibt es bestimmt mehr zu berichten.
Nora: Vincent und ich sind einfach nur alte Freunde! (Nora wollte noch erwidern, bemerkte dann aber Ricardo, der den Personalraum betrat.)
(Ricardo betrat den Personalraum und sah Olivia überrascht an.)
Ricardo: Ah, da bist du. (sah Olivia besorgt an.) Ist alles in Ordnung?
Nora: Sie hat nur mit Vincent die halbe Nacht getrunken.
Olivia: Danke, wirklich vielen Dank. Du machst den Tratschweiber alle Ehre. Ich hatte nur ein oder zwei Gläser Weißwein, nicht mehr. Mein Problem ist, dass ich einfach nichts vertrage.
Nora: Bist du sicher, dass es nur zwei Gläser Wein waren? Nicht eher zwei Flaschen?
Ricardo: Du hast noch mit Vincent getrunken? Was wollte er von dir?
Olivia: Wir haben uns nur unterhalten, mehr nicht. Er wollte nichts von mir, und er hat auch nichts bekommen. Ich bin kein naives kleines Mädchen. Er war nicht so aufdringlich, dass ich deinen Schutz gebraucht hätte!
Ricardo: Ich weiß, dass du keinen Schutz brauchst. Das war auch nicht meine Absicht.
Olivia: Na, dann ist ja alles in Ordnung – ich hatte schon befürchtet, es wäre verboten, mit Vincent zu sprechen.
Ricardo: Natürlich nicht, du kannst du dich jederzeit mit Vincent unterhalten. Ich wollte nur sicherstellen, dass es dir gut geht. Komm, lass uns gehen. Ich brauche noch die Liste mit den Sonderwünschen der Gäste. George wartet bereits. Ihr wolltet sie noch einmal überprüfen.
Olivia: Entschuldige, so war es nicht gemeint. Ich habe nur wenig geschlafen und fürchte, mein Kopf platzt gleich.
Nora: Komm schon Ricardo, sei nicht so. Lass Olivia ihren Spaß. Man könnte fast meinen, du seist eifersüchtig auf Vincent.
Ricardo: Ich bin nicht eifersüchtig, schon gar nicht auf Vincent. Es ist nur so, dass Georg bereits auf Olivia wartet. Was machst du eigentlich hier? Sollte ich heute nicht deine Schicht übernehmen?
Nora: Ich musste nur kurz etwas für heute Abend besorgen. Ich bin gleich wieder weg, bevor du es dir anders überlegst.
Ricardo: Geh ruhig zu deinem Date, ich brauche heute die Ablenkung. Ansonsten würde ich am liebsten Vincent zur Rede stellen.
(Nora wollte noch etwas erwidern, überlegte es sich jedoch anders. Sie nahm ihre Sachen und verließ schnell den Personalraum.)
Vincent: (Ricardo wendet sich an Olivia) Soll ich George lieber sagen, dass du nicht kommen kannst?
Olivia: Nein, es wird schon gehen. Die Listen sind wichtig, das kann nicht warten.
Ricardo: Ach übrigens! Wir sollen später noch zu Madame. Sie möchte uns noch etwas mitteilen.
Olivia: Worum geht es?
Ricardo: Ich bin nicht sicher, aber es könnte um die Jubiläumsfeier gehen!
Olivia: In Ordnung, dann sehen wir uns später im Büro von Madam!
Ricardo: Bis dann!
(Olivia erhob sich langsam und folgte Ricardo aus dem Personalraum.)
1. Akt 19.Szene
(Die Bar ist noch geschlossen, Vincent sitzt alleine an der Theke und macht sich Notizen. Ricardo tritt von rechts in die Bar ein.)
Vincent: (blickt auf, als er Ricardo sieht) Hat man hier nie seine Ruhe?
Ricardo: Ich habe mir schon gedacht, dass ich dich hier antreffe.
Vincent: Warst du auf der Suche nach mir?
Ricardo: Nein, nicht direkt. Ich wollte nur den Bestand der Whiskyflaschen überprüfen. Der Verbrauch hat deutlich zugenommen, seitdem du zurück bist.
Vincent: Ricardo, Ricardo, der selbst ernannte Wächter des Hotels. Manche Dinge ändern sich wohl nie.
Ricardo: So manches hast du wohl auch nicht verändert, oder?
Vincent: Wie meinst du das?
Ricardo: Dass du Frauen betrunken machen, musst, damit sie überhaupt mit dir sprechen. Nora kann auf sich selbst aufpassen, aber Olivia... da blieb dir keine andere Wahl, nicht wahr?
Vincent: Du verstehst das falsch. Ich muss Frauen nicht betrunken machen. Im Gegensatz zu dir unterhalten sie sich tatsächlich gerne mit mir. Ich denke nicht, dass Olivia sich gestern Abend unwohl gefühlt hat.
Ricardo: Wie dem auch sei, sie ist viel zu Clever für dich; sie wird auf deinen Charme nicht hereinfallen.
Vincent: Warum dann die Sorge?................Ach, Apropos Clever, das ist genau das, was mich bei dir wundert, Ricardo. Sag mir, wie fühlt es sich für dich an, zu sehen, dass eine Frau, die viel klüger ist als du, neben dir platziert wird, damit du glänzen kannst? Sie hat immerhin die beste Hotelfachschule der Welt besucht. Ist es nicht frustrierend für dich, zu sehen, dass Olivia dieses Hotel irgendwann auch ohne dich leiten könnte?
Ricardo: Ist das, was du erreichen willst? Dass ich nicht die Leitung des Hotels übernehme?
Vincent: Darüber mache mir keine Gedanken. Du wirst niemals die Führung dieses Hotels übernehmen! Wach auf, Ricardo, jeder andere wäre besser als du.
Ricardo: Wenn du meinst. Offensichtlich haben dir die vier Jahre in Europa nicht viel gebracht.
Vincent: Glaube, was du willst, Ricardo. Ich habe in diesen vier Jahren sehr viel gelernt. Das kannst du dir nicht einmal vorstellen. Glaubst du wirklich immer noch, dass du das Beste für das Hotel bist? Nur weil du hier aufgewachsen bist und jeden Winkel kennst?
Ricardo: Und du denkst, du wärst die beste Wahl für das Hotel? Dir fehlt das Herz dazu und das weiß auch deine Tante.
Vincent: Dass Herz das ich nicht lache, glaubst du das die reichen Geschäftsmänner der Welt erfolgreich sind, weil sie Herz hatten. Die haben alle kein Herz. Hast du Herz wirst du verschlugen. Das Beste für das Hotel? Das Beste für das Hotel? Ob das mich interessieren würde. Dies hier ist kein Zuhause, und auch nicht deine Familie. Hier geht es um knallhartes Geschäft, und der Profit steht an erster Stelle. Deshalb wirst du nie Direktor werden, weil du das nicht begreifst. In welcher Welt lebst du eigentlich? Selbst der schlechteste Absolvent einer Hotelfachschule wäre besser als du. Es zählt nur ein Abschluss den du nicht hast. Erkenne es endlich, Ricardo, ohne zusätzliche Erfahrung wird das alles ein Traum bleiben. Du bist in deiner kleinen Welt gefangen und erkennst es einfach nicht. Und aus irgendeinem Grund wird deine Anwesenheit hier nur toleriert!
Ricardo: Wer toleriert wird wissen wir beide. Es ist einfach zu sagen, wenn man der Neffe der Besitzerin ist. Verstehe ich das richtig? Nur weil du vier Jahre fort warst, glaubst du nun, ein Geschäftsmann zu sein. Du magst zwar viel gereist sein, du wirst für mich immer nur ein Großmaul bleiben. Auch wenn ich in meiner eigenen Welt gefangen bin, sehe ich das sehr klar! (Musik)
Nr.9 Wie weit muss ich gehen?
Hat mir das Leben einen Traum geschrieben, für den ich nie bestimmt war?
Ich wünschte, du könntest es verstehen.
Ricardo: Du hast doch alles. Warum ist dir das nicht genug? (Ricardo steht kurz davor, die Bar zu verlassen.)
Vincent: Weil du hier bist! Mein Leben wäre so viel einfacher ohne dich und George!
(Ricardo verließ enttäuscht die Bar.)
1. Akt 20. Szene
(George und Olivia stehen hinter der Rezeption)
George: Ich habe es bereits gehört. Du warst mit Vincent etwas trinken. Die Tratschweiber haben es schon im ganzen Haus verbreitet. Ist Ricardo sehr sauer auf dich?
Olivia: Fang jetzt nicht auch noch an. War es wirklich das Gerede der Tratschweiber oder Nora? Ich habe lediglich etwas mit Vincent getrunken. Was ist daran so schlimm?
George: Auch wenn es den Anschein hat, dass Vincent sich geändert hat, ist Ricardo doch nur um deinen Ruf besorgt.
Olivia: Wir haben lediglich zusammen etwas getrunken. Was haben diese Frauen nur erzählt? Er sollte sich keine Sorgen um meinen Ruf machen. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Ricardo sollte die Vergangenheit ruhen lassen. Warum fällt ihm das so schwer?
George: Wie soll ich dir das erklären? Es würde heute zu lange dauern. Ich muss es dir irgendwann einmal in Ruhe erzählen.
Olivia: Kannst du mir nicht wenigstens ein wenig verraten?
George: Nur so viel, Ricardo ist nicht für alle Katastrophen im Hotel verantwortlich, von denen du vielleicht gehört hast. Den größten Teil hat Vincent verursacht. Aber Ricardo hat oft für ihn den Kopf hingehalten. (George blickte überrascht auf. Olivia folgte seinem Blick.)
Olivia: Ist das nicht Mister Hill, der Textilfabrikant? Ich wusste gar nicht, dass er verheiratet ist. Er hat auch zwei Töchter. Ich dachte, er wäre Junggeselle. Einen Ring an seinem Finger habe ich nie bemerkt.
George: Das dachte ich auch. Ich hatte keine Ahnung!
(Mister Hill näherte sich der Rezeption, würdigte George keines Blickes, nahm von Olivia die Zimmerschlüssel entgegen und ging mit seiner Familie zum Aufzug. George blickte der Familie enttäuscht und wütend nach. Das Licht erlischt.)
2.Akt 21. Szene
(Ricardo stand am Aufzug. Olivia kam sehr aufgeregt auf ihn zu.)
Olivia: Richard, zum Glück bist du da!
Ricardo: Ich war auf dem Weg zu Madam. Ich dachte, du wärst bereits dort?
Olivia: Ich warte noch auf George. Er ist bisher nicht zurück, obwohl er sagte, er käme gleich. Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei.
Ricardo: Was genau meinst du?
Olivia: Er war völlig aufgelöst. Er murmelte immer wieder, dass er es ihr sagen muss, dass er es nicht wusste. George schien so verwirrt. Er sagte, er müsse kurz etwas klären und es würde nicht lange dauern. Dabei weiß er doch, dass Madam auf uns wartet.
Ricardo: Das ist nicht seine Art? Erzähl mir, was passiert ist. Olivia: Wir standen wie immer hinter der Rezeption und unterhielten uns ganz normal. Nichts Außergewöhnliches.
Ricardo: Komm schon, Olivia, irgendwas muss passiert sein!
Olivia: Ich habe nur bemerkt, dass Mister Hill heute mit seiner Familie da ist. Mehr nicht!
Ricardo: Mister Hill, der Textilfabrikant? Er ist also verheiratet.
Olivia: Ja, das wussten wir auch nicht.
Ricardo: Verdammt, er wird doch nicht so dumm sein. In welchem Zimmer ist die Familie?
Olivia: Wie immer in Suite 41.
(Ricardo drückt nervös den Aufzugknopf. Die Tür öffnet sich und Ricardo steigt ein.)
Ricardo: Bleib besser hier!
Olivia: Und was ist mit der Madam? Du weißt, dass sie hasst zu warten.
Ricardo: Sie muss warten!
1.Akt 22. Szene
(George stand vor einer großen Holztür. Er rang mit sich, ob er klopfen sollte. Er klopfte. Eine Dame öffnete die Tür. George steht nun der Dame gegenüber.)
George: Miss Hill, entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich muss Ihnen etwas Wichtiges mitteilen. (Musik)
(George wendet sich dem Publikum zu und beginnt zu singen, während das Gespräch fiktiv weiterläuft.)
Nr.10 Ich wusste nichts, von Ihnen
George: Miss Hill, bitte entschuldigen Sie die Störung, es muss sich um eine Verwechslung gehandelt haben. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt mit Ihrer Familie.
(Im Hintergrund fragte eine männliche Stimme ob alles in Ordnung sei. Die Dame sagt das alles in Ordnung sei. Dankte und schloss die Tür. George ging ein paar Schritte. Lehnte sich gegen die Wand, ließ sich langsam zu Boden sinken und begann zu weinen. Ricardo eilte aus dem Aufzug, sah George am Boden sitzen, setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm. Das Licht erlischt.)
1. Akt 23. Szene
(Madam saß hinter ihrem Schreibtisch im Büro. Vincent stand in der Raummitte. Ricardo und Olivia traten hinzu.)
Gloria: Endlich seid ihr da!
Ricardo: Verzeihung, Madam, wir wurden aufgehalten!
Gloria: Es muss etwas Wichtiges gewesen sein! (blickte Ricardo an und erkannte, dass es wichtig war) ... Nun gut, lassen wir das. Kommen wir zur Sache. Ich habe noch einen weiteren Termin und möchte nicht zu spät kommen. Vincent hat mir von einer wunderbaren Idee berichtet. Er möchte aus dem alten Stuhllager einen Weinhandel mit Verkostungen machen. Ich finde die Idee ausgezeichnet. Die Weineinkünfte im Restaurant sind nicht sehr hoch. Wir haben immer viele Überbestände. Vincent hat mir ein ausgeklügeltes Konzept vorgelegt, mit dem wir dieses Problem angehen können.
(Olivia wollte etwas sagen. Hielt aber ihren Mund.)
Gloria: Was ist los, mit euch? Hat es euch die Sprache verschlagen?
Ricardo: Das klingt ausgezeichnet. (Er blickte Olivia vorwurfsvoll an.)
Gloria: Ich würde das gerne mit euch nach der Jubiläumsfeier besprechen. Wenn wir diese hinter uns haben, können wir uns überlegen, wie wir den Weinhandel am besten umsetzen. Miss Underwood, haben Sie noch etwas dazu zu sagen?
Olivia: Nein, nein, es ist alles bestens! Wie Richard sagt, das klingt ausgezeichnet!
Gloria: Wenn es nichts weitergibt, dann können wir weiter an die Arbeit gehen.
(Ricardo, Vincent und Olivia wollten schon gehen.)
Gloria: Miss Underwood, würden Sie bitte noch einen Moment hierbleiben. Vincent, warte bitte vor der Tür.
(Ricardo und Vincent verlassen den Raum)
Gloria: Miss Underwood, ich werde direkt zur Sache kommen. Ich hatte mehr von Ihnen erwartet. Das nächste Mal, wenn jemand Ihre Idee stiehlt, halten Sie bitte nicht zurück. Egal, wer Ihnen gegenübersteht.
Olivia: (mit Tränen in den Augen) Aber er ist Ihr Neffe. Hätte ich ihn vor Ihnen bloßstellen sollen?
Gloria: Es ist nicht ehrenhaft, bei Unrecht zu schweigen. Weder vor meinem Neffen noch vor irgendjemandem. Sie dürfen sich niemals etwas wegnehmen lassen, das Ihnen gehört. Ich kenne meinen Neffen; zu sowas ist er nicht in der Lage. Auch wenn er in Europa war, war offensichtlich, dass das Konzept von Ihnen stammte.
Olivia: Richard und ich hatten eigentlich vor, daraus ein Tanzlokal zu machen.
Gloria: Dass Richard nichts sagt, war mir klar. Er hat Vincent schon immer in Schütz genommen.
Olivia: Vincent muss meine Notizen am Abend genommen haben. Der Weinhandel war anfangs nur eine Idee von mir.
Gloria: Miss Underwood, Sie sind wirklich eine kluge Frau. Sie können es noch weit bringen, wenn Sie aufhören, es jedem recht machen zu wollen. Versprechen Sie mir das? (Olivia nickt, Tränen strömen über ihr Gesicht) Bitte, wischen Sie die Tränen von Ihrem hübschen Gesicht.
Olivia: (wischt sich die Tränen vom Gesicht) Ich war einfach so wütend.
Gloria: Verdammt, das sollten Sie auch sein! Es ist besser, wenn Sie für heute Schluss machen. Morgen ist auch noch ein Tag. Ob wir aus dem alten Stuhllager ein Tanzlokal oder einen Weinhandel machen, können wir dann immer noch entscheiden.
Olivia: Danke, Madam. (Olivia zögert einen Moment, umarmt Gloria kurz und verlässt dann den Raum.)
(Vincent betritt den Raum erneut.)
Gloria: Nimm Platz, Vincent!
Vincent: (Vincent blieb stehen) Ich glaube, es besser, wenn ich stehen bleibe, da vermutlich eine Standpauke kommt.
Gloria: Nun gut wie du willst................... Ist es nicht sogar unter deiner Würde, eine junge Frau betrunken zu machen, um an ihre Notizen zu kommen? Um ihr eine Idee zu stehlen?
Vincent: (lacht) Dass ich dich damit nicht täuschen könnte, war mir klar. Die Idee war nur ein Mittel zum Zweck! Wenn Miss Underwood ihren Notizblock nicht wie ihren Augapfel hüten würde, hätte ich sie nicht betrunken gemacht. Glaubst du wirklich, ich müsste eine Idee stehlen? Diese ganze Aktion dient nur einem Plan!
Gloria: Ein Plan?
Vincent: Übrigens, ist es nicht auch unter deiner Würde, mir mein Erbe vorzuenthalten?
Gloria: Wovon sprichst du?
Vincent: Von deinem geschätzten Cousin in Amsterdam. Von ihm habe ich erfahren – er wird übrigens auch sehr gesprächig, wenn er betrunken ist – dass meine Großmutter vor ihrem Tod aus schlechtem Gewissen 49% ihrer Anteile an mich vererbt hat. Diese sollte ich zu meinem 21. Geburtstag erhalten, der übrigens schon letztes Jahr war. Wenn ich mein Erbe nicht antrete, verfällt es, und zwar heute um Mitternacht. Hast du mir dieses kleine, aber wichtiges Detail etwa verschwiegen? Hast du mich deshalb weggeschickt?
Gloria: Ich habe dich weder weggeschickt noch was vorenthalten oder verschwiegen. Es kam einfach nie zur Sprache. Natürlich wollte ich sehen, ob du dieses Hotel nach meinen Vorstellungen führen kannst. Warum sind dir plötzlich 49% des Hotels so wichtig? Eines Tages wird dir ohnehin alles gehören.
Vincent: Irgendwann ist mir zu spät. Bis dahin kann viel passieren. Ich möchte, dass du mir ein besonderes Geburtstagsgeschenk machst.
Gloria: Aber ich habe bereits ein Geburtstagsgeschenk für dich!
Vincent: Aber nicht das!
Gloria: Was möchtest du denn gerne haben?
Vincent: Du weißt genau, was ich will!
Gloria: (Sah geschockt auf) Das werde ich nicht tun! Das kannst du nicht von mir verlangen. Ich werde ihn nicht entlassen.
Vincent: Über dieses Thema werde ich nicht diskutieren. Und es wäre am besten, wenn du es gleich morgen erledigst.
Gloria: Selbst, wenn du 49 % besitzt, ich habe mehr als du. Zudem hast du keinen schriftlichen Beweis.
Vincent: Meinst du das Testament, das im Tresor im Penthouse lag? Es befindet sich jetzt sicher bei meinem Anwalt.
Gloria: Deshalb bist du früher gekommen! Um unbemerkt in das Penthouse und an den Tresor zu gelangen. Du hast dich wie ein Dieb durch die Hintertür eingeschlichen, um nicht bemerkt zu werden. George hätte mich sofort informiert, wenn er dich gesehen hätte. Deshalb durfte George dich nicht sehen. Nun macht alles einen Sinn. Ich frage mich, warum du dann Miss Underwoods Notizblock benötigt hast. Warum der ganze Aufwand mit dem Stuhllager, wenn du bereits alles hattest?
Vincent: Um Ricardo eins auszuwischen, ist immer ein Vergnügen. Er soll ruhig denken, dass seine Freunde nicht immer so loyal sind. Das ist Teil meines Plans!
Gloria: Richard wird darauf nicht hereinfallen!
Vincent: Wahrscheinlich nicht, aber sein Gesicht gerade eben war göttlich!
Gloria: Was, wenn ich mich weigere? Was dann?
Vincent: Wenn du dich weigerst, verkaufe ich meine Anteile an den größten Mafiaboss der Stadt. Ich bin gespannt, was dann aus deinem geliebten Hotel wird.
Gloria: Du würdest das nicht wagen!
Vincent: Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?
Gloria: Wer gibt mir die Garantie, dass du es nicht doch tun wirst? Und verschone mich mit deinem Ehrenwort – darauf ist kein Verlass.
Vincent: Tante, warum diese Feindseligkeit? Wir sind doch Familie. Sobald du Ihn entlassen und aus dem Hotel geworfen hast, wird alles seinen gewohnten Gang gehen. Du kannst dein Zepter weiter schwingen, ich werde mich nicht einmischen. Mein Wort darauf. Das Hotel hat mich nie interessiert.
Gloria: Nein, nur das Geld, das es einbringt.
Vincent: Genau...du hast es erfasst. Du warst immer sehr clever. Dich all die Jahre zu täuschen, war das Schwierigste.
Gloria: (Lehnt sich langsam zurück) Täusche dich nicht. Ich hatte immer nur gehofft, dass ich mich irre. Jetzt endlich zeigst du dein wahres Gesicht. Du bist wie dein Vater. Ihn hat auch nur das Geld interessiert.
Vincent: Ich dachte, du kennst ihn nicht?
Gloria: Nur so gut, um sofort zu erkennen, dass er nur auf das Geld meiner Schwester aus war.
Vincent: Das meiner Mutter!
Gloria: Ja, dass deiner Mutter. Leider hast du rein gar nichts von ihr.
Vincent: Wenn du dich da mal nicht täuschst. Wie auch immer, wann wirst du ihn morgen entlassen?
Gloria: Du verlierst wirklich keine Zeit. Nun gut………gleich morgen früh, bevor die Schicht beginnt. Es wird genug Unruhen geben, wenn sie es erfahren. Sie werden es nicht verstehen.
Vincent: Das ist nicht mein Problem!
Gloria: Natürlich nicht. Die Mitarbeiter haben dich nie interessiert. Sie mussten immer nur deine Chaos beseitigen. Ich hatte übrigens eine Überraschungsfeier für dich um Mitternacht in der Bar geplant. Die Feier werde absagen, es gibt nichts mehr zu feiern.
Vincent: Du das. Ich feiere lieber allein. So kann ich meinen Erfolg besser auskosten.
Gloria: Bitte lass mich jetzt allein. Ich kann dich nicht mehr ertragen.
(Vincent verließ den Raum mit einem zufriedenen lächeln. Gloria stützte ihren Kopf in die Hände.)
1.Akt 24. Szene
(Olivia und Ricardo gehen nervös im Personalraum auf und ab. Außer Olivia und Ricardo war keiner mehr ihm Personalraum.)
Ricardo: Ich wusste, ich kann ihm nicht trauen!
Olivia: Ich bin so dumm, Ricardo, es tut mir so leid.
Ricardo: Es muss dir nicht leidtun. Er hat uns alle getäuscht. Das kann er gut. Ich hätte es besser wissen müssen.
(George betritt den Personalraum und sieht die beiden diskutieren.)
George: Was ist passiert?
Ricardo: Vincent, ist passiert! Er hat etwas vor.
George: Wie meinst du das?
Ricardo: Er plant etwas, aber ich bin mir noch nicht sicher, was es ist.
Olivia: Ist ihm das nicht genug? Er hat mich vorgeführt!
George: Was ist denn passiert?
Ricardo: Er hat Olivias Notizbuch genommen, um sich eine ihrer Ideen anzueignen!
George: Aber das muss Madam doch bemerkt haben?
Olivia: Das hat sie auch!
George: Wo liegt dann das Problem?
Ricardo: Muss ich dir das wirklich erklären, George?
George: Nein, musst du nicht.
Olivia: Wovon sprecht ihr beide? Könntet ihr mich bitte informieren!
George: Es ist schon lange her, ich habe erst hier angefangen. Vincent war damals noch sehr jung. Eines Abends erwischte ich ihn betrunken in der Bar. Er redete wirres Zeug über seine Mutter, dass sie Madam nie verziehen hat, weil sie schwanger aus dem Hotel geworfen wurde. Er schwor Rache für das, was seiner Mutter und ihm angetan wurde. Er behauptete, das Hotel gehöre ihm rechtmäßig und er würde es zurückfordern – für seine Mutter.
Olivia: Wusste Madam davon? Und du, Richard?
Ricardo: Madam winkte es ab, als seien es bloß törichte Worte eines Kindes. Gab uns trotzdem zu verstehen. Wir sollten ein Wachsames Auge auf ihn haben.
Olivia: Und das ist alles?
George: Vincent war damals noch ein Teenager. Am nächsten Tag verhielt er sich, als wäre nichts geschehen. Was sollten wir machen? Er ist ihr Neffe – das Einzige, was ihr von ihrer Schwester geblieben ist.
Ricardo: Seitdem nutzt Vincent jedoch jede Gelegenheit, um George loszuwerden. Wir hatten wirklich gehofft, dass die vier Jahre im Ausland ihm geholfen hätten, besser zu verstehen. Dass er stolz darauf sein kann, ein Mitglied von Madams Familie zu sein. George, du musst jetzt noch vorsichtiger sein. Ein Vorfall wie der eben mit Miss Hill darf nicht wieder vorkommen. Vincent wird jede Chance ergreifen, um dich loszuwerden.
Olivia: George, er wird dich nicht wirklich entlassen, oder? Er kann das doch nicht machen, oder?
George: Nein, mach dir keine Sorgen. Solange Madam hier ist, wird uns nichts passieren.
Ricardo: Wir müssen jetzt nur vorsichtiger sein. Sollen wir Joseph und Nora einweihen?
Olivia: Sie müssen beide verstehen, dass Vincent nicht vertrauenswürdig ist.
Ricardo: Sie haben heute beide frei. Ich werde es ihnen morgen mitteilen. Es ist bereits spät, und ich übernehme Noras Schicht. Morgen können wir besprechen, was wir bezüglich Vincent unternehmen.
Olivia: Was ist mit Vincents Party?
George: Die wurde von der Madame abgesagt, das wollte ich euch noch mitteilen!
Olivia: Gut so! Ich hätte ohnehin nicht mehr teilgenommen!
Ricardo: Seltsam, dass die Madame die Party abgesagt hat. Vielleicht lässt sie Vincent endlich die Konsequenzen für seine Taten tragen. Wir sprechen morgen weiter, ich muss jetzt gehen.
(Alle drei verließen den Personalraum.)
1.Akt 25. Szene
(Vincent sitzt alleine an der Bar, ein Glas Whisky in der Hand. Geburtstagsdekorationen hängen noch von der Decke. Die Uhr schlägt Mitternacht.)
Vincent: Happy Birthday to me, Happy Birthday to me. (Musik spielt im Hintergrund)
Nr.11 Ich bin der
Akt1 Vorhang
