Niemals genug
- Raquel Iglesias Serrano
- 2. Feb. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. März 2025

Die Idee für meinen Roman kam mir irgendwann bei der Arbeit. Schon immer hat es mich fasziniert, wie Musik – unabhängig von der Sprache – als Ausdrucksmittel dient. Ein Lied inspirierte mich dazu und brachte mich zum Nachdenken: Manchmal reicht ein einziger Mensch, um alles zu verändern. Doch was, wenn selbst das niemals genug ist?
Kapitel 1
Mit schnellen Schritten schlängelte sich Abigail durch die Grafton Street. Wie so oft tummelten sich zahlreiche Touristen in der belebten Einkaufsstraße. An einer Stelle hatte sich eine Menschentraube gebildet, und es war schwer, sich hindurchzuzwängen. Die Leute sangen und tanzten ausgelassen, als wären sie Teil eines spontanen Straßenfestes. Das Lied, das sie sangen, war ihr unbekannt, doch nach Klang und Rhythmus zu urteilen, musste es spanisch sein. Kein Wunder – es waren wieder auffallend viele spanische Touristen in Dublin unterwegs.
Obwohl sie es eilig hatte, konnte Abigail sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Lebensfreude der Gruppe war ansteckend. Neugier packte sie – was genau zog all diese Menschen in ihren Bann? Trotz ihrer Verspätung wollte sie wissen, wer oder was für diese ausgelassene Stimmung sorgte.
Abigail bahnte sich vorsichtig einen Weg an den Rand der Menge, wo es etwas lichter war. Sie streckte sich, um einen Blick auf den Straßenmusiker zu erhaschen. Doch zunächst konnte sie kaum etwas erkennen – nur die Silhouette eines Mannes von durchschnittlicher Größe. Es war Mai, und auch wenn Dublin an manchen Tagen noch kühl sein konnte, trug er lediglich ein T-Shirt und eine kurze Hose. Auf dem Stoff prangte eine Aufschrift, doch aus der Entfernung konnte sie die Worte nicht entziffern.
Wenn sie sein Alter schätzen müsste, würde sie ihn auf Ende zwanzig oder Anfang dreißig schätzen. Sein Haar hatte er zu einem lockeren Dutt gebunden, ein leichter Bart bedeckte sein Gesicht, doch an manchen Stellen wuchs er nur spärlich. Abigail musterte ihn neugierig. Wer war dieser Mann, der so viele Menschen um sich versammelte?
Neben dem Mann stand ein Aufsteller. Neugierig trat Abigail ein Stück zur Seite, um lesen zu können, was darauf stand. Als sie nah genug war, entzifferte sie die Worte:
„Lieder sind Ausdruck. Wünsch dir ein Lied, um zu sagen, was du fühlst oder jemandem etwas mitzuteilen. Wünsche in Englisch, Spanisch oder Italienisch möglich.“
Das Lied, das die Menge so begeistert mitsang, war also ein Wunsch aus dem Publikum. In diesem Moment bemerkte sie, wie ein junger Mann auf den Straßenmusiker zuging. Er nannte ihm ein Lied, woraufhin der Musiker nur nickte und lächelte – ein stilles Versprechen, den Wunsch zu erfüllen.
Abigail beobachtete gespannt, wie der Musiker kurz innehielt, die Melodie in Gedanken durchging und dann seine Gitarre nahm. Er probierte ein paar Akkorde aus, bis er den richtigen Klang gefunden hatte.
Sie sah auf die Uhr. Eigentlich war sie schon spät dran. Mit einem Seufzen zog sie ihr Smartphone hervor und tippte eine kurze Nachricht, dass sie etwas später kommen würde. Fast zeitgleich vibrierte ihr Handy – die Antwort bestand nur aus einem Daumen-hoch-Emoji. Offenbar war es nicht allzu schlimm, dass sie sich verspätete.
Erleichtert steckte sie das Smartphone zurück in ihre Tasche. Jetzt wollte sie wissen, welches Lied als Nächstes gespielt wurde.
Der Straßenmusiker spielte ein paar Takte an – das Publikum erkannte das Lied sofort. Ohne zu zögern stimmten alle mit ein, einige Paare nahmen sich in den Arm und wiegten sich im Rhythmus. Abigail kannte das Lied nicht. Es klang nach Spanisch.
Sie blickte sich um. In Dublin gab es unzählige Straßenmusiker, an den meisten lief sie einfach vorbei. Es waren oft dieselben traurigen Balladen über verlorene Liebe oder hoffnungslose Romantiker, die nie aufgaben. Aber das hier war anders. Dieser Musiker hatte eine besondere Art, die Menge in seinen Bann zu ziehen.
Er begann zu singen – seine Stimme war warm und voller Gefühl. Das Publikum verstummte für einen Moment, als würde jeder den Atem anhalten. Das junge Paar, das das Lied gewünscht hatte, begann langsam und vertraut miteinander zu tanzen. Als der Refrain einsetzte, sangen alle wieder lauthals mit.
Abigail verstand die Worte nicht, aber das Gefühl dahinter war unmissverständlich. Es ging um Liebe – nicht die kitschige, hoffnungslose Art, sondern eine, die sich lebendig und echt anfühlte.
Neugierig zückte sie ihr Smartphone und öffnete Shazam. Sie wollte unbedingt wissen, welches Lied das war. Doch das Chaos der vielen Stimmen machte es der App unmöglich, den Song zu erkennen.
Neben ihr lachte ein Pärchen und sang sich das Lied gegenseitig zu. Sie wirkten so vertraut miteinander, dass es Abigail unwillkürlich rührte. Sie wollte die Atmosphäre weiter aufsaugen – dieses Gefühl, mitten in einem spontanen Straßenfest gelandet zu sein.
Noch einmal versuchte sie ihr Glück mit Shazam, doch wieder scheiterte die App. Plötzlich beugte sich die Frau aus dem Paar zu ihr und lächelte.
„Willst du wissen, welches Lied das ist?“ fragte sie mit einem charmanten spanischen Akzent.
„Ja, sehr gerne!“ Abigail ließ sich von der offenen Freundlichkeit sofort anstecken.
„Das Lied heißt Solamente Tú von Pablo Alborán. Ich kann es dir aufschreiben, wenn du willst.“ Die Frau machte eine Geste, als würde sie schreiben.
Dankbar nickte Abigail und wühlte in ihrer Tasche. Einen Stift hatte sie nicht, aber zwischen ihrem Make-up fand sie schließlich einen Kajalstift. Papier? Das Einzige, was sie dabeihatte, waren die Visitenkarten ihres Ladens.
Sie reichte der Frau beides. Mit einem schnellen, eleganten Schwung schrieb diese den Songtitel auf. Dann hielt sie die Karte kurz neugierig in der Hand und betrachtete sie.
„Was ist das für ein Laden, den du hast?“ fragte sie interessiert.
Der Lärm der Menge und der Akzent machten es Abigail schwer, alles zu verstehen. Sie nickte nur und antwortete: „Ja, ich habe einen Laden.“
„Was verkaufst du?“ hakte die Frau nach.
Abigail zögerte. „Ich… Ich mache aus alten Klamotten neue Sachen. Upcycling. Jedes Stück ist irgendwie einzigartig.“
Die Frau hörte ihr aufmerksam zu, ein warmes Lächeln auf den Lippen.
„Klingt spannend! Wo ist dein Laden?“
„Nur ein paar Straßen weiter. Es gibt auch ein kleines Café in den Laden. Warte, ich gebe dir noch eine Karte.“
Die Frau nahm die Visitenkarte, betrachtete sie erneut und steckte sie dann lächelnd ein.
„Wir kommen bestimmt mal vorbei“, sagte sie und zwinkerte.
„Danke dir!“, antwortete Abigail, und die Frau winkte noch einmal, bevor sie zu ihrem Freund zurückkehrte.
In diesem Moment verklang die letzte Note des Liedes. Die Menge klatschte begeistert. Abigail hätte gerne noch länger in dieser magischen Stimmung verweilt, doch sie wusste, sie musste los. Kirsten wartete bestimmt schon.
Mit einem letzten Blick auf den Musiker und die feiernde Menge drehte sie sich um und machte sich auf den Weg – das Lächeln auf ihrem Gesicht hielt noch eine Weile an.
Während Abigail sich weiter durch die Menge schlängelte, schweifte ihr Blick unwillkürlich zurück zum Musiker. Er sprach gerade mit einer Frau, die sich das nächste Lied wünschte. Doch als er aufsah und ihren Blick traf, schien die Welt für einen Moment stillzustehen.
Er hielt inne, sah ihr direkt in die Augen — und ohne zu zögern griff er nach seiner Gitarre. Die ersten Akkorde erkannte Abigail sofort. „The Blower’s Daughter“ von Damien Rice. Jeder in Dublin kannte dieses Lied.
Sie wollte eigentlich weitergehen, doch dann setzte er mit seiner Stimme ein. Diese raue, zugleich sanfte Stimme, die einen unweigerlich in ihren Bann zog. Er ließ sie nicht aus den Augen, sang weiter und schaute sie an.
Erst bemerkte sie es nicht richtig. Doch als ihr bewusst wurde, dass er sie direkt ansang, wurde ihr die Situation plötzlich unangenehm. Ihre Wangen wurden warm. Doch anstatt sich abzuwenden, summte sie leise mit – bis sie schließlich doch mit voller Stimme einstieg.
Als er merkte, dass sie mitsang, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
Bei der Zeile "I can't take my eyes off of you" sangen sie beide, die Blicke fest ineinander verhakt. Das Publikum merkte es. Nach und nach verstummten die Stimmen um sie herum – die Menge hörte nur noch den beiden zu, fast ehrfürchtig, als wären sie Zeugen eines besonderen Augenblicks.
Als das Lied sich dem Ende näherte, ließ der Musiker die letzte Zeile bewusst aus. "’Til I find somebody new."
Abigail zögerte nur einen Atemzug lang – dann sang sie die Zeile leise zu Ende und warf ihm dabei ein freches, herausforderndes Lächeln zu.
Für einen Moment blieb es still. Nur ihre Blicke hielten den Moment fest. Dann begann sich die Menge langsam aufzulösen, das Leben in der Grafton Street ging weiter.
Abigail nutzte den Moment, drehte sich um und ging los – ihr Herz klopfte schneller als gewöhnlich. Sie fühlte seinen Blick im Rücken, und als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie, dass er ihr tatsächlich nachsah.
Die Frau, die sich zuvor ein Lied gewünscht hatte, brachte ihn schließlich zurück in die Realität. Er blinzelte, als würde er aus einem Traum erwachen, und nickte ihr nur kurz zu. Dann begann er, ihr Lied zu spielen.
Abigail hörte es noch aus der Ferne – „Goodbye My Lover“ von James Blunt. Doch seine Version klang verspielter, fast wie eine neckische Antwort auf das, was gerade zwischen ihnen passiert war. Sie musste schmunzeln.
Mit schnellen Schritten ging sie weiter zu ihrem Laden. Durch das Schaufenster sah sie, dass schon ein paar Kunden da waren. Sie atmete tief durch, strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und trat ein – doch das Lächeln wollte einfach nicht von ihren Lippen verschwinden.

